Hochschulperle 2022

In diesem Jahr steht die Auszeichnung unter dem Oberthema "Zukunftsorientierte Lernarchitekturen".

 
Weil sie klein sind,
werden manche Projekte jenseits der Hochschulmauern kaum registriert. Weil sie glänzen, können und sollten sie aber auch andere Hochschulen schmücken. Jeden Monat stellt der Stifterverband eine Hochschulperle vor. Im Jahr 2022 steht die Auszeichnung unter dem Oberthema "Zukunftsorientierte Lernräume", das Teil der gemeinsamen Initiative Lernarchitekturen – Räume für zukunftsorientierte Bildung von Stifterverband und der Dieter-Schwarz-Stiftung ist.

Lernen braucht Raum. Durch die Corona-Pandemie haben Studierende und Lehrende erlebt, wie sich Hochschule ohne die Zusammenkunft in physischen Räumen anfühlt, ohne Campusleben und in Gemeinschaften, die sich ausschließlich in digitalen Räumen bilden. Der Bedarf an neuen physischen Räumen für Kommunikation, Kollaboration und Lernen als sozialen Prozess wurde spürbar.

Selten wurde die Bedeutung von physischen Räumen und dem Wechselspiel von Pädagogik und Architektur so deutlich. Wir können Raum aktiv gestalten oder es anderen überlassen, dies zu tun. Dabei ist Raumgestaltung ein wichtiger Faktor, um Innovationen in Lehre und Lernen zu ermöglichen. Wie sehen zukunftsorientierte physische Räume aus, in denen Studierende und Lehrende lernen, arbeiten und leben? Die Vielfalt an Raumangeboten wächst, ob Makerspaces, Innovation Labs, Learning Labs oder auch Regenerationsräume wie der Campus-Garten oder das Creative-Café für informellen Austausch – für zukunftsorientierte Bildung braucht es ein Raumangebot, das die Studierenden und ihre ganzheitlichen Lernprozesse in den Fokus rückt, Raum für aktive Lernsettings wie forschendes und projektbasiertes Lernen schafft, inspiriert, wertschätzt und ermöglicht, dass die Nutzerinnen und Nutzer zu aktiven Gestalterinnen und Gestaltern werden.

Der Gestaltungs- und Umsetzungsprozess zukunftsorientierter Lernarchitekturen verlangt danach, neue Wege zu gehen, auszuprobieren und physische Experimentierfreiräume zu schaffen. Im Jahr 2022 sucht der Stifterverband daher nach besonderen Lernarchitekturen – und zeichnet neben physischen Hochschulräumen auch Konzepte, Prozesse und Teams (im Kontext physischer Lernraumgestaltung) mit der Hochschulperle des Monats aus, um sie überregional sichtbar zu machen und andere Hochschulen zu inspirieren. Folgende Schwerpunkte können unter anderem ausgezeichnet werden:

  • Zukunftsorientierter Lernraum
    Ein physischer Hochschulraum oder -gebäude, das durch seine Gestaltung Innovationen in Lehre und Lernen ermöglicht, indem beispielsweise Future Skills, hybride Lernsettings oder Bildung für nachhaltige Entwicklung adressiert werden
  • Forschungsraum für Lernarchitektur
    Ein physischer Raum, in dem die Wechselwirkung von der Gestaltung des physischen Raums und Lernen erforscht wird
  • Partizipativer Lernraumgestaltungsprozess
    Eine Prozessgestaltung, bei der Studierende und Lehrende an der Konzeption von physischen Lernräumen teilhaben, um nutzerzentrierte Gestaltung zu ermöglichen
  • Kreative Verwaltungslösung
    Einzelpersonen oder Projektteams, die kreative Lösungen für die Herausforderungen in Lernraumgestaltungprozessen entwickelt haben, wie zum Beispiel für die Nutzung von Drittmitteln oder die hochschulinterne Vergabe von physischen Lernräumen
  • Weiterbildung & Qualifizierung
    Qualifizierungsangebote für Lehrende oder/und Studierende im Bereich "Physischer Raum und Didaktik", wie zum Beispiel Raumkompetenzen für die aktive Nutzung von Raumgestaltung in Lernprozessen.

Die Auszeichnung ist undotiert. Aus den Hochschulperlen des Monats wird Anfang 2023 die Hochschulperle des Jahres gewählt.

 

Hochschulperle des Monats April 2022:
TRIANGEL Open Space

 
Wie kommt die Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit
und wie kommen Ideen aus der Gesellschaft zur Wissenschaft? Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat für diesen Prozess einen besonderen Raum geschaffen, den TRIANGEL Open Space. Er soll helfen, mehr Kommuni­kation und Kreativität sowie intensiven Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu etablieren. In einer außerordentlichen Umgebung werden hier verschiedene Formate umgesetzt, um Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenzubringen.

Die Besonderheit des modernen Innovations-, Gründungs- und Transferzentrums sehen nicht nur die Initiatoren in der Lage: Der TRIANGEL Open Space liegt direkt in der Karlsruher Fußgängerzone mitten in der Innenstadt und zugleich auch in der Nähe des Campus Süd des KIT. Durch die kurzen Wege wird der direkte Austausch zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Studierenden und Start-ups des KIT mit den Bürgerinnen und Bürgern sowie den Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft gefördert.

Foto: Marlin Dürrschnabel/KIT
Blick in den TRIANGEL Open Space
Foto: Marlin Dürrschnabel/KIT
Zentrale Lage in der Karlsruher Fußgängerzone
Foto: Amadeus Bramsiepe/KIT
Bürgerdialog im TRIANGEL Open Space

 
Hinter TRIANGEL steht zum einen die Werkstatt: Es ist ein Ort für Ausstellungen, die wissenschaftliche Themen für die breite Öffentlichkeit erlebbar machen. Innovationsteams und Start-ups haben hier die Möglichkeit, mit Austauschformaten direktes Feedback für ihre Ideen und Prototypen zu erhalten. Zum anderen bietet der Space ein Forum für Workshops, Vorträge, Lesungen, Podiumsdiskussionen oder auch Kleinkunst. Die dritte Säule des Konzepts ist das intro Café – der perfekte Raum, um in einer Wohlfühl-Atmosphäre zu netzwerken oder innovative Ideen zu entwickeln. 

"Das Konzept vom TRIANGEL Open Space zeigt beispielhaft, wie man Wissenschaft in einer Stadt erlebbar macht und damit einen Beitrag für Inspiration, Kreativität und voneinander Lernen leistet", so die Jury des Stifterverbandes zu ihrer Entscheidung, die Hochschulperle des Monats April nach Karlsruhe zu vergeben. "Allein durch die Lage mitten in der Stadt bekommt die Plattform eine einzigartige Sichtbarkeit. Der direkte Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wird erleichtert und dadurch an der einen oder anderen Stelle auch schneller produktiv."

Die weiteren Hochschulperlen des Monats im Jahr 2022

Januar: FQ Lounge

Am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam haben die Gleichstellungsbeauftragten der Digital Engineering Fakultät (DEF), der gemeinsamen Fakultät vom HPI und der Universität Potsdam, die FQ Lounge etabliert. Diese ist ein Ort des offenen Austausches, für Veranstaltungen, Beratung, zum gemeinsamen Arbeiten, Informieren und Netzwerken. "FQ" steht für "Female Quotient" (Frauenanteil) und ist eine aus den USA stammende internationale Bewegung zur Frauenförderung. Ihr Ziel ist es, den Anteil von Rednerinnen auf Fachkonferenzen und so ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Dafür bietet die Bewegung international Workshops und Vorträge für interessierte Besucherinnen an.

Ein wichtiger Baustein dieser Bewegung ist der Anspruch, für das Thema Frauenförderung auch physisch einen Raum zu schaffen. Dies hat man durch die Einrichtung von gemütlichen Lounges erreicht, die zum Verweilen einladen und zum Beispiel auch Literatur zum Thema anbieten. Dies ist auch bei der FQ-Lounge des HPI der Fall. Neben einer Bücherecke verfügt der Raum außerdem über eine "Kommunikationszone", die alle nutzen können, sowie eine Beratungsecke. Daneben bieten die Macherinnen der FQ Lounge Veranstaltungen rund um das Thema Gleichstellung an. Dazu gehören zum Beispiel die "Women in Tech"-Talks: Hier sprechen erfolgreiche Frauen aus der Informatik über ihren Werdegang und teilen ihre Erfahrungen mit HPI-Studentinnen und anderen Interessierten.

"Die FQ Lounge des Hasso-Plattner-Instituts ist ein gelungenes Beispiel für eine Lernarchitektur der Zukunft, die inspirierenden (Frei-) Raum schafft", so die Jury des Stifterverbandes zu ihrer Entscheidung, die Hochschulperle des Monats Januar nach Potsdam zu vergeben. "Die Gleichstellung von Frauen voranzutreiben, ist eine Aufgabe von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Das Potsdamer Projekt zeigt, wie Institutionen dieses Ziel ganz konkret und kreativ unterstützen können."

Details zur FQ Lounge auf der Website der Universität Potsdam

Februar: Zeitgemäße Arbeitsräume für Hochschullehrende

Foto: HdM Stuttgart

Das Büro als moderner Wissens-, Lern- und Arbeitsort – an der Hochschule der Medien Stuttgart (HdM) ist das für einen Teil der Lehrenden längst Alltag. Seit acht Jahren arbeiten die Lehrenden hier nicht mehr in Einzelbüros, sondern sehr erfolgreich in Gemeinschaftsbüros, die Begegnungen und Kommunikation untereinander zulassen und fördern. Als die Professorinnen und Professoren in einen Neubau umzogen, zogen sie nicht mehr in Einzelbüros ein, sondern fanden sich in Gemeinschaftsbüros mit bis zu 22 Arbeitsplätzen wieder. Offene Raumstrukturen und Kommunikationselemente wurden ergänzt um Rückzugsmöglichkeiten in Zweier- und Dreierbüros. Dabei wurde die gesamte Arbeitsfläche klar getrennt zwischen Büroflächen und öffentliche Zonen mit Besprechungsräumen, die multifunktional genutzt werden.

Der Impuls, die Räumlichkeiten der Lehrenden modern zu gestalten, kam den Verantwortlichen im Rahmen einer Umzugsplanung der gesamten Fakultät Information und Kommunikation der Hochschule Medien Stuttgart. Neben dem Neubau sollte auch die Curricula aller Studiengänge der Fakultät zeitgemäß entwickelt werden: Die Lehre sollte sich künftig auf Problemlösungs- und Methodenkompetenzen fokussieren, auf projektorientierte und interdisziplinäre Lehr- und Lernformen und auf eine stärkere Vermittlung von Schlüsselkompetenzen. Das heißt, kollaboratives Lehren und Lernen und die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen waren die neuen Leitlinien für die Studierenden. Da sollten auch die Arbeitsbereiche der Lehrenden angepasst werden.

Die achtjährige Praxiserfahrung zeigt, dass der Schritt von der klassischen Bürosituation in einen Begegnungs- und Kommunikationsraum erfolgreich war. Ziele und Inhalte von Lehrveranstaltungen und Lehrmodulen können schneller und besser über Fachgrenzen hinweg ausgetauscht werden. Eine elementare Voraussetzung für enge Abstimmungsprozesse und Querverweise in Lehrveranstaltungen oder für das Konzipieren von interdisziplinären Lehr- und Forschungsprojekten. Soziale Kompetenzen wie Rücksichtnahme, Disziplin, Toleranz und Kompromissbereitschaft werden nun nicht nur von Lehrenden in Lehrveranstaltungen vermittelt, sondern auch im Arbeitsalltag von den Lehrenden vorgelebt.

"Es ist toll, dass hier die Räume der Lehrenden neu strukturiert wurden, um einen Bewusstseinswandel in der Konzipierung und Ausgestaltung von Lehre, Curricula und Veranstaltungsangeboten zu ermöglichen", so die Jury des Stifterverbandes zu ihrer Entscheidung, die Hochschulperle des Monats Februar nach Stuttgart zu vergeben. "Das Projekt trifft einen wunden Punkt vieler Lehrenden, die nicht gern ihr eigenes Büro aufgeben wollen. Es zeigt auf, dass Großraum funktionieren kann und dass die Neugestaltung und das Umdenken nicht nur bei den Studierenden und den Lernräumen anzusiedeln ist."

Website der Hochschule der Medien in Stuttgart

März: Lehr-Lern-Raum Inklusion

Schule für alle: In einem multifunktionalen Klassenzimmer erprobt das Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildforschung der Technischen Universität (TU) Dresden inklusive Lehr-Lern-Konzepte. Dort gestalteten die Verantwortlichen zusammen mit Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen sowie Regelschullehrerinnen und Regelschullehrern ein multifunktionales Klassenzimmer. Inklusive Bildung soll es allen Menschen ermöglichen, gemeinsam zu lernen. Dafür sind innovative Lern- und Lehransätze nötig sowie passgenaue individuelle Förderung und eine unterstützende, barrierefreie Lernumgebung. Die TU Dresden hat hier einen kreativen Raum für Lehramtsstudierende geschaffen, Möglichkeiten für gleichberechtigen Unterricht zu erforschen, auszuprobieren und mitzugestalten.

Inklusion ist ein fächerübergreifender Themenschwerpunkt in der Lehramtsausbildung. Um die Gestaltung gleichberechtigten Unterrichts auch noch stärker in der Fachdidaktik aufzugreifen, hat die TU Dresden einen ("Klassen"-) Raum für Forschung, Lehre und Mitgestaltung geschaffen. Hier können die Lehramtsstudierenden inklusive Lehr-Lern-Situationen planen, durchführen und evaluieren. Das gibt ihnen Gelegenheit, sich mit der Gestaltung eines inklusiven Schulunterrichts vertieft auseinanderzusetzen. Neben der Ausstattung mit geeignetem Mobiliar wie mobilen Dreieckstischen und einem modularen Sofa gibt es im "Lehr-Lern-Raum Inklusion" deshalb auch verschiedene Materialien und Medien, die im inklusiven Unterricht genutzt werden können. Dazu gehören zum Beispiel technische Unterstützungssysteme wie LED-Lupen-Brillen oder Braille-Beschriftungsgeräte für Menschen mit Sehbehinderung.

Studierende und Lehrende können den Raum nutzen, um Seminare zum Thema Raum und Inklusion abzuhalten, Workshops oder Weiterbildungen durchzuführen oder andere Begegnungsformate zu organisieren.

"Die Diversität unserer Gesellschaft bildet sich auch und vor allem im Schulalltag ab. Der 'Lehr-Lern-Raum Inklusion' der TU Dresden sensibilisiert Lehrkräfte aller Fächer für inklusiven Unterricht und ermöglicht ihnen, ganz konkret auszuprobieren, wie Vielfalt und Heterogenität im Klassenzimmer funktionieren kann", so die Jury des Stifterverbandes zu ihrer Entscheidung, die Hochschulperle des Monats März 2022 nach Dresden zu vergeben. "Die TU Dresden zeigt damit vorbildlich, wie der Weg zum inklusiven Klassenzimmer aussehen kann."

Details zum Projekt auf der Website der TU Dresden
Video auf YouTube 

 

 

Kontakt

Bewerbungen und Nominierungen sind ab sofort möglich.
Senden Sie bitte eine Zusammenfassung des Projekts an:

Daniela Mägdefessel

ist Programmmanagerin im Bereich "Programm und Förderung".

T 0201 8401-134

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