Claudio Paganini: Wissenschaft braucht gesunde Selbstkritik

"Mit einem gewissen Prozentsatz an Leuten, die einfach faktenresistent sind, damit muss man halt leben."

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Heute fragt eine kritische Öffentlichkeit die Forscher: Wozu ist das gut, was ihr da mit unserem Geld macht? Und die Wissenschaft kann sich nicht mehr in ihren Laboren und Hochschulen verschanzen. Aber ist das so schlecht? Claudio Paganini, Doktorand am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, mit Innenansichten aus dem Wissenschaftsbetrieb: Hat diese Öffnung der Forschung auch Schattenseiten?
 

Das Gespräch wurde am Rande der Veranstaltung "Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March for Science?" in Hannover aufgezeichnet.
 

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Autorin: Corina Niebuhr
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Transkript des Videos

Die Öffnung der Wissenschaft ist halt ein bisschen ein zweischneidiges Schwert, weil es gibt den ganzen alternative facts und Verschwörungstheoretiken natürlich auch Angriffsfläche, weil halt die Wissenschaft ein Stückweit dadurch natürlich auch entzaubert wird.

Es ist nicht mehr dieses unantastbare, die Wahrheit liefernde Konstrukt, sondern es ist unsere beste Annäherung an die Wahrheit, welche immer Unsicherheiten drin hat. Und wenn man mit diesen Unsicherheiten offen kommuniziert, gibt es natürlich auch Angriffsflächen. Aber ich denke, langfristig kann die Wissenschaft davon eigentlich nur profitieren, und einen gewissen Prozentsatz an Leuten, die halt einfach faktenresistent sind, damit muss man halt leben.

Die neue Situation ist einfach: Es öffnet sich alles, die Kommunikationskanäle sind offen. Jetzt müssen wir uns halt überlegen: Wie kommuniziert man Wissenschaft in diesem Umfeld? Weil das Umfeld ändern können wir nicht, sondern wir müssen halt unsere Mittel und Wege auf diese neue Situation einstellen. Und ich persönlich finde es eigentlich gut, dass es offener wird. Ich meine, Wissenschaft soll auch für alle sein, Wissenschaft findet ja im Auftrag der Gesellschaft auch statt. Das ist ja super eigentlich, wenn mehr Leute einbezogen werden können. Man muss halt einfach, wie bei allem, es gibt Chancen und Risiken, und man muss halt mit denen umgehen.

Ich habe das Gefühl, dass man die Risiken am besten mit mehr Kommunikation bzw. mit persönlicher Kommunikation angehen kann und halt auch sich mehr darüber Gedanken machen muss: Wie geht es den Leuten im Wissenschaftsbetrieb selber? Weil wenn halt viele Doktoranden, die in Labors gearbeitet haben, am Ende des Doktorats rauslaufen: Ich will mit Wissenschaft nie mehr was zu tun haben, weil das waren drei Jahre Sklavenarbeit unter unmenschlichen Bedingungen, und alles ist eh nicht ganz so koscher, weil es einfach auf Publikationsindex getrimmt wird, dann sind das relativ wichtige Kommunikatoren. Und solcher Faktoren muss man sich halt auch noch mehr bewusst sein. Und früher war das halt dann, naja, das waren halt individuelle, und heute können die sich dann durchaus auch negativ in den ganzen Prozess einbringen und sind nicht einfach isoliert. Und von dem her denke ich, dass man über eine Verbesserung des Klimas im Wissenschaftsbetrieb selber, über eine Verbesserung der tatsächlichen Funktionalität des Wissenschaftsbetriebes auch nochmal mehr erreichen kann, weil früher war das halt einfach Fakt. Die Wissenschaft hat halt so funktioniert. Die Ergebnisse kamen raus und sonst nichts. Und jetzt kommt halt auch mehr ans Tageslicht, und jetzt muss man halt teilweise schon auch dann die Strukturen der Wissenschaft selber vielleicht mal angehen.

Eine Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation ist wirklich die Struktur der akademischen Karriere, eben dass es halt überhaupt nicht, also in den meisten Fällen überhaupt nicht förderlich ist, dass man sich da engagiert, weil da einfach Zeit weggeht.

Der akademische Markt ist extrem kompetitiv. Also, es gibt halt wenige Stellen, weniger Doktorandenstellen beziehungsweise da noch relativ viel. Die Postdocs, also die, die nach dem Doktorrat wirklich den größten Teil der Forschungsarbeit leisten, gibt's auch noch, okay, viele Stellen. Aber dann wirklich permanente Stellen, wo man dann halt auch irgendwann mal ankommen kann, gibt's halt relativ wenige. Das heißt, eine normale akademische Karriere besteht eigentlich daraus, dass man seinen PhD macht und dann zehn Jahre lang alle zwei Jahre von einer Stelle zur nächsten hetzt und sich permanent wieder bewerben muss und natürlich auch permanent den wissenschaftlichen Output liefern muss, also halt Paper, Paper, Paper. Weil das ist das, was in erster Linie berücksichtigt wird bei Stellenbesetzungen. Und, ja, da ist für die Wissenschaftskommunikation, die Zeit geht halt an der eigentlichen Forschungszeit verloren.

In den Medien sieht man Stephen Hawking und noch fünf Nobelpreisträger und that's it. Aber halt der Großteil der wissenschaftlichen Arbeit wird halt nicht von diesen wenigen Stars gemacht, sondern von der ganzen Armada an Doktoranden, Postdocs usw. usf. Die eigentlich kann man so mehr einbinden beziehungsweise dass halt Leute auch mal mit einem Wissenschaftler reden können. Wie sieht denn Forschung überhaupt aus? Wie macht man denn sowas überhaupt? Wie sieht eine Studie überhaupt aus? Nicht einfach nur: Hier ist das tolle Posterresultat. Also, wir haben einen Nobelpreis gekriegt, alles korrekt, sondern wirklich auch den Leuten über den Prozess der Wissenschaft zu erzählen. Also, wie wird Forschung konkret gemacht?

Wenn man halt darüber redet, wieviele Versuche man gemacht hat, bis endlich mal einer funktioniert hat oder wieviele Rechnungen halt einfach nicht funktioniert haben, bis man mal ein Problem gefunden hat, das man lösen konnte, das ist etwas, das ist nicht für die Printsachen, sondern das ist halt etwas, da braucht man eigentlich fast einen direkten Kontakt mit den Leuten, da muss man mit den Leuten reden über den Arbeitsalltag. Und das sind dann eben so Formate, zum Beispiel können diese direkten Pubnights und so zum Beispiel, können da den direkten Austausch nochmal fördern, und das fördert natürlich auch das Verständnis, dass halt Wissenschaft ist nicht einfach ein Zaubermittel, dass, so, ich brauche jetzt ein neues Medikament und sag: Es kommt ein neues Medikament. Es ist halt ein sehr langwieriger Prozess mit sehr vielen Negativresultaten.

Meine Motivation für die Wissenschaftskommunikation ist schon in die Richtung, dass ich schon immer einen relativ breiten Fokus hatte und ein relativ breites Interesse in gesellschaftliche Prozesse, in Politik und was so abläuft. Und da halt wirklich auch die Zusammenhänge sehe, und ich da halt die Wissenschaftskommunikation wirklich wichtig finde. Schlussendlich, ich habe vorhin auch mal gesagt: Wir sind privilegiert im Sinn von "Wir können tun, was wir lustig finden in unserer Arbeit". Und dieses Privileg wird uns durch Steuern, Steuergelder ermöglicht. Und schlussendlich gehört für mich die Kommunikation, wo auch aus dieser Motivation zur Selbstverständlichkeit, dass ich das, was ich mache, halt den Leuten auch näherbringen will. Also, halt den Leuten zeigen, dass das toll ist, was wir machen, und weshalb das wichtig ist, auch wenn vielleicht das, was ich jetzt mache, die nächsten hundert Jahre keine Anwendung haben wird oder wahrscheinlich oder andersrum von den Sachen, die Leute machen, die auf einer ähnlichen Grundlagenebene arbeiten wie ich, wird wahrscheinlich in den nächsten hundert Jahren etwas relevant sein. Also, als Einstein seine Allgemeine Relativität aufgeschrieben hat, da hat niemand jemals daran gedacht, dass sowas für GPS von Nutzen sein könnte. Und heute würde kaum mehr jemand seinen Weg finden ohne GPS. Und das ist halt immer so das Posterchild für die Grundlagenforschung oder wo man halt sagen kann: Ja, da aus was komplett Abstraktem plötzlich hat man halt sowas wie GPS. Aber natürlich ist das eins in 100.000 Resultaten. Aber das Problem ist halt, dass man halt jetzt nicht sagen kann, welches dieser 100.000 Resultate in hundert Jahren dann halt so eine Anwendung haben wird. Und entsprechend finde ich es halt schon, finde ich es halt wichtig, weil wir finanziert werden von der Allgemeinheit, dass wir auch gegenüber der Allgemeinheit kommunizieren, also dass wir halt mitteilen, was wir machen. Und es geht natürlich da auch ein Stückweit darum, dass man eine gewisse Begeisterung für die Sache überträgt, dass man halt den Leuten mitteilt, dass das wirklich cool ist, was wir machen, weil ich finde es ja auch wirklich geil. Ich teile es auch gerne mit, weil ich es faszinierend finde, was wir machen, weil ich es wirklich spannend finde und das halt entsprechend auch gerne erzähle. Also, dieses einfach auch erzählen wollen, was man macht, ist natürlich sicher auch mit ein Motivationsgrund, sich damit auseinanderzusetzen.