Christian Nagel: Wie tickt ein Venture-Capital-Investor?

"Die erfolgreichen Dinge sind immer entstanden in der Zusammenwirkung von einem guten Unternehmerteam mit guten Investoren, die entsprechend auch Weichen gestellt haben, die Verbindungen hergestellt haben."

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Venture-Kapitalisten – das sind die ominösen Geldgeber im Hintergrund, die dafür sorgen, dass ein Geschäft ins Rollen kommen kann. So in etwa stellen sich das zumindest die meisten vor. Christian Nagel ist Mitgründer und Partner von Earlybird – und einer von diesen Investoren, um deren Wagniskapital so viele Start-ups buhlen. Doch dabei geht es gar nicht alleine ums Geld, sondern um etwas ganz anderes, an dem viele Jungunternehmer scheitern.
 

Das Gespräch wurde am Rande der Tech Open Air 2017 in Berlin aufgezeichnet.

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Autor: Timur Diehn
Produktion: Webclip Medien Berlin
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Transkript des Videos

Wir haben natürlich eine Exit-Orientierung. Das ist eingebaut letztlich in dem Auftrag, den wir letztlich ausführen im Sinne der Investoren, die wir haben.

Wir wollen Produkte, die sich global skalieren lassen. Tendenziell ist es aber in der Tat so, wenn jetzt ein Team kommt und sagt: Wir haben jetzt nur ein Produkt für den Berliner Markt, übertrieben gesagt, ist es für uns nicht so interessant, weil es einfach nicht so groß werden kann. Und das ist also das eine Thema. Wir wollen natürlich große Märkte adressieren, und dann auch eigentlich, ich will nicht sagen unendlich, aber eine große Skalierungsmöglichkeit, weil wenn wir investieren, dann verkaufen wir ja nach fünf, sechs, sieben Jahren, wenn wir rausgehen, wollen wir ja, dass das jemand dann kauft oder die Börse das akzeptiert als gutes Wachstumsunternehmen, was danach eben nochmal jahrelang weiter wachsen kann. Das ist der Gedanke dahinter letztlich bei dem Thema. So, und dann gibt's aber natürlich viel mehr im Sinne von Spreu vom Weizen trennen, da gibt's natürlich viele andere Kriterien, die eine Rolle spielen. Das Team spielt eine große Rolle. Wie gut ist das Team wirklich aufgestellt? Was hat das Team für einen Background? Wie hungrig ist das Team wirklich? Wie divers ist es aufgestellt? Kann es global agieren wirklich? Also, es gibt da viele, viele weitere Punkte noch, die wir dann abhaken, bis hin zum Produkt letztlich, weil wir sind sehr darauf aus oder achten sehr auf das Produkt. Was kann das Produkt wirklich? Wie ist es besser als andere Produkte? Ist es jetzt nur eine inkrementelle Verbesserung, die jeder irgendwie hinkriegt, oder ist es wirklich ein Sprung, der nicht so leicht zu kopieren ist oder von anderen eben, wo andere nachziehen können? Letztlich kopieren natürlich alle. Wenn etwas da ist, dann wird es kopiert. Das ist auch ein Punkt. Und wir gucken schon darauf natürlich, wo der Wettbewerb ist, und wenn wir feststellen: Hier kommt jemand und sagt, der hat was ganz Tolles, Neues entdeckt, und wir stellen fest: In den USA gibt es schon fünf gut gefundete Unternehmen, da sind wir eher zurückhaltend. Und heute ist die Situation eigentlich auch so, es ist nicht mehr nur so, dass Deutschland aus den USA kopiert. Es geht in alle Richtungen. Oder ich würde es auch gar nicht als kopieren, es klingt so negativ, kopieren bezeichnen. Letztlich dadurch, dass die Innovationen eigentlich demokratisiert worden sind, dadurch, dass man kein Geld mehr braucht, um ein Produkt auf den Markt zu bringen. Aber wenn man einen Tech-Background hat, dann kann man eine App entwickeln, relativ einfach, nachts oder am Wochenende, kann man neben dem Job machen. Das kann jeder letztlich, der ein bisschen coden kann. Das heißt, damit haben wir eine gewisse Demokratisierung, und jeder kann eigentlich irgendwas bauen. Und das passiert auch. Das heißt: Wir sehen, wenn Themen neu sind, dann sehen wir das nicht so, dass ein Thema kommt, und dann ist es das Thema, was neu ist, sondern die Themen, ähnliche Themen werden überall auf der ganzen Welt entwickelt von allen möglichen Leuten. Unsere Aufgabe ist fast sogar ein bisschen schwieriger geworden, weil wir gucken müssen: Wo sind eigentlich, welches ist von denen das richtige oder das interessante? Es geht nicht mehr darum, nur die Innovation anzugucken, sondern: Mensch, da passiert ja was! Plötzlich kommt da ein Insurance-Tech-Unternehmen, sondern die Frage ist bei uns immer: Welches von diesen 20, 30, die es da irgendwie gibt, global, ist denn das, dem wir zutrauen, dann auch vielleicht wirklich den Durchbruch zu schaffen? Also, es hat sich da schon deutlich verändert. Was gut und schlecht ist. Gut eigentlich, weil es viel breiter ist, gibt viel mehr, die unternehmerisch tätig werden können auch letztlich in dem digitalen Zeitalter. Gerade mit den mobilen Endgeräten letztlich hat jeder eine Plattform, mit dem er ein Produkt launchen kann, was es eben vor 20 Jahren oder vor zehn Jahren noch nicht gab, zehn Jahre iPhone jetzt. Das heißt: Jetzt geht das. Und für uns ein bisschen eben die Schwierigkeit, die daraus entsteht, dass wir eben dann gucken, viel breiter gucken müssen, wo diese Dinge entstehen. Weil die können eben von allen Ecken kommen. Und man kann sich nicht mehr gewiss sein, dass man eben irgendwie einen Vorsprung lange hat, weil man weiß ganz genau: Selbst wenn wir hier investieren, dann muss ein Team eben schon so gut sein, dass es auch den Vorsprung behält dann zu anderen, die dann parallel entstehen.

Es muss das Start-up wissen, dass man, dass wir irgendwann raus wollen. Und "wir rauswollen" heißt ja nicht unbedingt, dass es bei ihnen zu Ende ist oder dass es nicht mehr weitergeht oder der Gründer nicht mehr weitermachen kann. Weil selbst wenn wir verkaufen, ist es meistens so, dass der Gründer oder das Gründerteam noch weitermacht. Wenn wir an die Börse gehen, dann sowieso ist es eingebaut, dass irgendjemand was weitermachen muss, das heißt also, das ist nicht unbedingt ein Ende irgendwie der ganzen Geschichte. So muss man das auch sehen. Und ich glaube, dieses, keiner von uns, zumindest der Professionellen, denkt jetzt irgendwie in so kurzen Zeiträumen, dass man sagt: Wir müssen nach einem Jahr wieder raus. Also, das ist, glaube ich, jedem klar, dass man da einen längeren ... weiß ja echt jeder, fünf, sechs, sieben Jahre irgendwo es begleitet, das Thema. Aber in der Tat, es muss, es ist schon ein Teil der ganzen, auf das, was man sich da einlässt, das ist eben nicht so dieses alte Blut-Scholle-Erde-Denken, dass man eben dieses Unternehmen mit ins Grab nehmen kann oder vererben kann. Da sind wir nicht der richtige Partner, das muss man einfach wissen, wenn das jemand will oder das Team das will, dann muss es sich andere Quellen suchen. Da ist Venture per se einfach nicht das richtige Finanzierungsinstrument.

Investoren haben jetzt keinen Bezug zu den Unternehmen, den meisten, in vielen Fällen. Es gibt Ausnahmen, wo wir strategische Investoren haben, im Fonds auch, also Corporates, die wiederum Interesse haben auch zu sehen: Was passiert an der Innovationsfront? Und wo wir wiederum Interesse daran haben letztlich, einen guten Zugang zu bekommen, um eben dem Portfolio einen Support zu geben. Weil wir verstehen Venture Capital eben als nicht nur Geld geben, sondern als Service für Unternehmer eigentlich. Und wir, die Gründer von Earlybird, haben alle einen unternehmerischen Background. Wir haben alle selbst was Eigenes aufgebaut. Das heißt, wir können da auch ganz gut zusammen sprechen, auf Augenhöhe in Anführungsstrichen, weil wir eben ähnliche Dinge, mal Schwierigkeiten, kurz vor dem Abgrund stehen, kein Geld mehr haben und so, das kennen wir irgendwo aus der eigenen Erfahrung. Und das hilft natürlich auch in der Unterstützung, und die guten Unternehmer, die suchen eigentlich auch nicht nur Geld, die suchen eigentlich genau diesen Support, also dieses Netzwerk, diese Unterstützung, das ist eigentlich das, was sie suchen. Das kann man auch lange zurückverfolgen in den USA, die erfolgreichen Dinge sind immer entstanden eben auch in der Zusammenwirkung von einem guten Unternehmerteam mit eben guten Investoren, die entsprechend auch Weichen gestellt haben, die Verbindungen hergestellt haben, die den Weg vielleicht zum Exit geebnet haben, indem man halt mal das richtige Intro gemacht hat. Das ist schon mehr als jetzt eben nur das Geld geben, weil das Geld kriege ich auch von der Sparkasse, und da hilft mir keiner. Wenn ich es irgendwo kriege, meistens kriege ich es nicht, aber simpel gesprochen, da passiert nichts, und Venture ist eben schon mehr als eben nur das Geld und ganz stark eben diese Komponente. Die guten Unternehmer, die verstehen das genau. Und die guten, erfolgreichen, die können sich sowieso aussuchen, wer sie finanziert. Und da suchen sie eben den aus, der eben in dieser Richtung am meisten Support bieten kann.

Die meisten Überraschungen sind auf der Teamseite, weil meistens funktionieren die Teams nicht. Also, 80 Prozent der Gründe für letztlich Abschreibungen bei uns sind Teamprobleme aller Arten. Team zerstreitet, Team wird krank, Team betrügt, alles Mögliche haben wir schon erlebt, in der Zwischenzeit, sind wir auch lange am Markt jetzt, da hatten wir wirklich alles schon. Und das sind so die Überraschungsmomente, die man dann erlebt und wo wir auch immer in der Tat uns fragen: Kann man das irgendwie im Vorwege feststellen? Kann man besser werden in der Beurteilung von Teams? Und das ist nach wie vor schwierig. Also, es gibt kein Rezept dafür, wie man das herausfinden kann. Man kann, das versuchen wir, halt eine gewisse Zusammenarbeit mit dem Team zu machen in der Vorphase, ohne jetzt irgendwie den Prozess rauszuziehen, aber einfach früh kennen lernen. Deswegen lernen wir eben auch Teams gerne früh kennen, um zu gucken: Wie entwickeln die sich dann? Machen die das, also, gesagt, getan. Wie ist die Gesagt-getan-Quote? Kommen die Dinge wirklich, die man da versprochen hat oder geplant hat? Da kann man so ein bisschen ein Gefühl entwickeln. Aber trotzdem bleibt immer noch letztlich dieser menschliche Unsicherheitsfaktor in Anführungsstrichen, oder ist ja gar nicht menschlich, weil es nicht ein Mensch ist, sondern es ist ja immer ein Team. Das ist nochmal komplexer als ein Mensch, den man beurteilen muss vielleicht, ob man ihn einstellt oder nicht einstellt. Also, ein Team hat noch einmal eine andere Dynamik. Und es verändert sich eben auch, weil die Unternehmen sich auch verändern ganz schnell. Das heißt, ein Team fängt an zu dritt, viert, fünft, und dann sind's irgendwann 15, 50, 100. Und das hat eben eine irre Dynamik letztlich, die damit entsteht, plötzlich mit mehr Verantwortung, mit mehr Druck auch, mit der Verlagerung letztlich von "Ich kümmere mich ums Produkt" zu "Ich muss jetzt plötzlich ein Team managen". Und das wird immer größer, das Team. Ich muss plötzlich auch mit Investoren reden. Ich muss plötzlich auch mit der Presse reden. Es kommt ja andere Dinge dazu, die man gar nicht vorher vielleicht gar nicht erfahren hat, also keine Erfahrung hat da drin und mit dem man vielleicht gar nicht so gut umgehen kann.

Da wird noch viel mehr passieren. Und man muss, glaube ich, unterscheiden zwischen der Technologie, die dahinter steht, also den Blockchain-Technologien, was ja letztlich ist eine Architektur, die es erlaubt, zurückzuverfolgen und letztlich die Fälschungssicherheit erlaubt von gewissen virtuellen Gütern. Das ist es ja eigentlich. Und das Thema der Kryptowährung, also der Bitcoins, der Litecoins, Ethereum usw. Und da ist natürlich, kann man sagen, da ist natürlich, das ist ein bisschen wie Gambling schon, muss man sagen. Da ist natürlich ein Hype drin, da ist eine wahnsinnige Volatilität drin. Da werden Wallets gehacked, da verschwindet Geld, diese Dinge passieren da. Ist aber auch natürlich, weil das ganze relativ neu ist, passieren solche Dinge auch, muss man sagen. Und da in dem Fall kann man sagen, da ist sicherlich eine gewisse Blasenbildung immer wieder drin. Da geht's mal wieder hoch, da geht's mal wieder runter, das passiert einfach. Aber diese darunterliegende Technologie, die ist eigentlich noch viel mächtiger als jetzt nur bezogen auf Kryptowährungen, also Währungen, die man irgendwie neu schaffen kann. Die ist wahnsinnig groß, da glaube ich stark daran, dass das erst ganz am Anfang ist. Weil es gibt so wahnsinnig viele Anwendungen und so wahnsinnig viele Ineffizienzen in vielen, vielen Bereichen, die ganzen Vertragswerke, wo viele Leute daran arbeiten, wo man es viel leichter hätte, wenn die eben letztlich tokenized werden, irgendwo auf Krypto basieren würden, wo dann Regeln eingebaut werden, wer was dazu beitragen muss und wann sowas fertig ist und was passiert auch danach, wenn so ein Vertrag erfüllt ist? Kann alles automatisch passieren. Da braucht man keinen mehr, der sich darum kümmert, also Stichwort Versicherungen. Im ganzen Bankenbereich gibt's wahnsinnig viele Leute, die sich beschäftigen mit beim Handel von Wertpapieren, die zwischendurch halt gewisse Dinge tun müssen, Verifizierung von jemandem, gucken, ob das Geld auch wirklich auf dem Konto eingegangen ist, gucken, von wem das kommt usw. Braucht man alles nicht mehr! Kann man komplett eigentlich einstampfen, wenn man eben diese Technologien anwenden würde für solche Themen. Und ich glaube, da ist das Feld riesig. Und da wird viel passieren. Also, da sind wir sehr bullish letztlich, dass da große Dinge sich verändern werden und viele, ich sag mal, Stufen in der Wertschöpfung, auch heute normale Businesses, vom Hauskauf alleine, Grundbucheinträge, kann man alles letztlich mit der Technologie optimieren und viel effizienter machen. Man braucht keine Notare mehr eigentlich. Die sind überflüssig, komplett für gerade so Grundbuchthemen. In den USA Riesenindustrien, die sich mit gerade auch beim Thema Grundstücke oder Gebäude mit Title Search beschäftigen und diesen ganzen Themen, braucht man eigentlich alles gar nicht mehr, wenn man diese Technologien anwenden würde. Also, ich glaube, da ist ein großes Potenzial drin. Und deswegen darf man aber nicht so beziehen auf nur jetzt das, was man bei den Währungen sieht, wo man wieder liest, dass irgendwo Ethereum Bitcoin überholt hat. Das ist nicht unbedingt das Thema, was darunter liegt eigentlich und was die Relevanz von dieser ganzen Technologie ausmacht. Und da glaube ich stark daran, dass viel passieren wird.