Gerald Hüther: Wieso die Schulen versagen

Gerald Hüther: Wieso die Schulen versagen

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Die Lehrerausbildung an deutschen Hochschulen liegt im Argen, meint Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung an der Universität Göttingen. Die Hochschulen seien keine Bildungsstätten mehr, sondern nur noch Ausbildungsstätten. Und Referendare bekämen fälschlicherweise eingetrichtert, dass es den perfekten Unterricht gibt. Dabei wäre etwas anderes viel wichtiger.

Produktion: Timur Diehn
Postproduktion: Christian Slezak
für den Bildungskanal des Stifterverbandes

Transkript des Videos

Da ist irrsinnig viel Bewegung drin. Und da entsteht ein vollkommen neuer Anforderungsdruck, mit dem die Schulen sich über kurz oder lang auseinandersetzen müssen. Und da wird es nichts helfen, sich ständig darauf zu berufen, dass man beim letzten PISA-Test ein Stückchen besser abgeschnitten hat.

Das sogenannte Inklusionsgesetz, das ist aus meiner Sicht der reine Harakiri für Vertreter des alten Schulsystems. Ich weiß auch nicht, wer das unterschrieben hat, aber da müssen alle konservativen Schulpolitiker geschlafen haben. Stellen Sie sich vor, Sie müssen jetzt Schüler, die man sonst immer so wunderbar abschieben konnte, die müssen Sie jetzt reinnehmen. Wir haben uns ja jahrelang, in der letzten Zeit der Bundesrepublik oder vielleicht sogar schon vorher ging es ja immer darum, in der Schule möglichst homogene, möglichst leistungshomogene Stufen zu schaffen, also Klassen, Schulformen, wo die alle möglichst gleich waren. Da hat keiner daran gedacht, was eigentlich das für einen Effekt hat. Da hat man immer gedacht: Da könne man denen das Wissen schneller beibringen. Inzwischen wissen die Hornforscher: Man kann den Kindern gar nix beibringen, die müssen sich das Wissen selbst ins Hirn bauen. Und das einzige, was die aber in diesen homogenen Klassen super gelernt haben, ist, sogar lernen mussten, denn sonst hätten die sich gar nicht gespürt als Individuen: Wettbewerb. Wenn alle gleich sind, kann ich nur versuchen, besser zu werden. Wenn Sie die Klassen inhomogen machen, das heißt, altersübergreifende Jahrgangsstufen machen oder wenn Sie plötzlich welche reinbringen, die gar nicht reinpassen, diese sogenannten Behinderten, dann erschaffen Sie eine Situation in der Schule, wo das überhaupt nicht mehr funktioniert. Dann kann kein Lehrer vorne seinen Lernstoff da durchbringen, seinen Unterrichtsstoff, weil die Hälfte der Klasse versteht das ja nicht oder ein Viertel oder wieviel da immer dabei sind. Da sheißt, jetzt wird das, was schon immer bei Kindern sichtbar ist, diese enorme Heterogenität, Kinder sind nicht gleich, und es ist nicht gut, wenn man sie alle gleichmachen will. Dann wird plötzlich diese enorme Heterogenität zu einem Problem, weil jetzt die alten Schulformen versagen. Sie können nicht mehr für alle den gleichen Stoff anbieten innerhalb dieser Klasse. Sie können nicht mehr allen die gleichen, nennen wir es mal: Kriterien anlegen für die Validierung Ihres Unterrichts, sprich: Klassenarbeiten und Zensuren. Die Hälfte kriegt ja immerzu nur Fünfen.

Wir brauchen für jede gesellschaftliche Weiterentwicklung immer die Balance zwischen den Bewahrung dessen, was sich bewährt hat, und einem hinreichend starken innovativen Impuls, der die Veränderung möglich macht. Je länger man darauf besteht, dass das Alte, so, wie es ist, richtig ist, umso größer wird sozusagen, umso stärker wird der Druck im Dampfkessel der notwendigen Veränderungen. Das kann bisweilen zu unangenehmen Explosionen führen. Was wir im Augenblick erleben, ist, dass sich das nicht in Explosionen entlädt, sondern in Nebeneinanderher-Entwicklungen. Es gibt in Deutschland Schulen, die haben sich so toll entwickelt, und da ist es noch nicht mal wichtig gewesen, ob das jetzt Montessori oder Waldorf oder staatliche Schulen waren oder private. In allen Bereichen gibt es gute und schlechte. Und es kommt offenbar auf die einzelne Schule an, und die kann Wege einschlagen, die sind weit weg von dem, was wir als Durchschnitt so kennen. Gleichzeitig gibt es ganz viele solche Individualinitiativen, aus diesem Bildungssystem heraus zu gehen. Und dann gibt es natürlich, das wären sozusagen die neuen Kräfte, und die alten Kräfte werden versuchen, das Bestehende zu schützen, würden dann so wie der Vorsitzende des Lehrerverbandes in Bayern sagen: Noch mehr vom Alten! Mehr Disziplin, noch mehr Leistungsdruck, noch mehr Selektion! Das kann man auch machen. Damit löst man aber das Problem nicht.

Was wir jetzt fragen: Wie ändert sich das? Hatte ich schon angedeutet: Wir kriegen automatisch einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, der in die Schulen hineinragen wird. Der wird die Schulen nicht so lassen können wie sie sind. Wir haben gleichzeitig dieses Inklusionsgesetz. Das wird auch noch seinen Beitrag liefern. Wir haben auch immer mehr junge Lehrer, die aufmüpfig werden, die nicht mehr zufrieden sind mit dem, was sie da als Lehrer lernen sollen. Das gilt vor allen Dingen für die, die gerne Lehrer geworden sind. Und wir haben auch eine Entwicklung, die uns zeigt, dass die Schüler ja auch nicht mehr so geblieben sind wie sie vor 50 Jahren mal gewesen sind. Da hat man noch vieles mit denen machen können. Jetzt kommt über die digitalen Medien und diesen starken Austausch 'ne junge Schülergeneration in die Schulen, die aber überhaupt nicht mehr einsehen, wozu sie überhaupt irgendwohin gehen sollen, wo es ihnen nicht gefällt. Damit kommt keiner zurecht. Und am wenigsten kommen damit die Lehrer zurecht. Und jetzt heißt die Frage: Ja, würde jetzt eine neue Lehrerausbildung etwas nützen? Da muss man doch die Frage erst einmal anders stellen: Diese Entwicklungen sind ja schon seit zehn Jahren im Gang. Das hätte doch, die ersten, die das hätten merken müssen, dass das jetzt da unten an der Basis anders wird, das wären doch die Verantwortlichen aus den Hochschulen gewesen. Also, Dozenten, Professoren für Pädagogik. Da können Sie in der Literatur zurückschauen, und Sie merken: Die haben offenbar nicht mitgekriegt, was da läuft. Die machen immer noch ihre alte Ausbildung, machen immer noch ihre Referendare und Referendararbeiten. Immer noch habe ich gehört, dass ein Referendar oftmals 20 Stunden braucht, um eine einzige Unterrichtsstunde so perfekt vorzubereiten, dass der Leiter des Seminars damit zufrieden ist und dem dafür eine gute Note gibt, so dass bei den Referendaren in der Zeit der Vorbereitung auf den Schuldienst im praktischen Bereich, bei denen wird die Illusion erzeugt, wie eine gute Unterrichtsstunde aussieht, die man aber nur schafft, wenn man sich 20 Stunden darauf vorbereitet. Und dann werden die in die Praxis geschickt, und die müssen oftmals Sachen unterrichten, da können sie sich keine Minute darauf vorbereiten. Das sind sogar oftmals Fächer, die sie unterrichten müssen, da sind sie gar nicht drin ausgebildet. Das heißt, was man eigentlich in einem interessanten und zukunftsweisenden und auch die Befähigung der jungen Lehrer sozusagen stärkenden Verfahren machen müsste, ist nicht, denen zu zeigen, wie man eine perfekte Unterrichtsstunde macht, sondern wie man improvisiert. Wie man damit zurechtkommt, dass man jetzt hier vor einer Klasse steht und nicht weiß, was man eigentlich machen soll. Wie man sein eigenes Wissen dann in eigene Formen bringt, so dass die Schüler auch wirklich von so einem Unterricht profitieren. Darauf ist diese ganze Schule nicht vorbereitet.

Ich glaube, in dem Hochschulbereich sind wir im Augenblick noch dabei, in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Da kommen wir ja aus einer Zeit, wo ein Studierender die Möglichkeit hatte, sich in verschiedenen Fächern mal auszuprobieren, auch mal 'ne andere Vorlesung zu hören, auch mal eine Zeitlang in irgendein Fach hineinzugucken, um mal zu sehen, ob ihm das liegt. Also, da gab es zumindest diese Möglichkeit, ein bisschen spielerisch herauszufinden, wofür man so der Richtige ist. Das ist alles kaputt. Die Hochschulen sind doch Ausbildungsstätten geworden, bessere Berufsschulen. Und da ist gar kein Platz mehr für Persönlichkeitsentwicklung. Da heißt die Botschaft: Hier muss ich möglichst schnell durch, und da muss ich so durch, dass ich hinten eine gute Anschlusskarriere machen kann. Und da ist es so, dass das manche Universitäten und vor allem offenbar private Hochschulen besonders gut versprechen können. Wer bei uns durchgeht, dann ist die Anschlusskarriere noch besser gesichert als bei den anderen. Meist sind sie ja auch privat finanziert, das heißt, da stehen schon Unternehmen und warten auf die Absolventen dieser Hochschulen. Viele Unternehmen haben sich inzwischen ihre eigenen Hochschulen geschaffen, damit sie ihre eigenen Leute rekrutieren können aus diesen Hochschulen. Selbst Aldi hat 'ne eigene Hochschule für die Qualifizierung ihres Personals. Also, hier entsteht eine ganz eigenartige Situation, und die einzigen, die das aufhalten könnten, wären eigentlich staatliche Hochschulen, die sagen: Das machen wir nicht mit! Hochschule ist keine Ausbildungsstätte, Hochschule ist eine Bildungsstätte, um Persönlichkeiten zu bilden, die in jeder Hinsicht als Vorbilder in dieser Gesellschaft auftreten können. Und es gibt ja diesen wunderbaren Film von Erwin Wagenhofer, "Alphabet" über die Probleme, die er so sieht, mit der Bildung, und er sagt: Ich hätte ja diesen Film nie drehen wollen, und den habe ich ja nur deshalb gedreht, weil ich vorher zwei andere Filme gedreht habe. Der eine heißt: "Let's feed the world!" Und da zeigt er, wie im Augenblick unsere Nahrungsmittelproduktion aussieht. Und der andere heißt: "Let's make money!" Und da zeigt er, wie unsere Finanzsysteme aussehen. Und in beiden Fällen hat er, ohne das zu wollen, festgestellt, dass die dafür Verantwortlichen die Absolventen unserer heutigen Hochschulen sind. Das heißt, dass es überhaupt in unserer Nahrungsmittelproduktion so furchtbar werden konnte und in unserer Finanzwelt so furchtbar werden konnte, dafür sind unsere Bildungssysteme verantwortlich. Und das war der Grund, weshalb er dann in die Schulen gegangen ist, und hat gefragt: Was machen wir denn da überhaupt? Was ziehen wir denn da als Bildung groß? Menschen, die sich auf Kosten von anderen, bereichern. Menschen, die gewissenlos mit anderen Lebewesen umgehen. Menschen, die gewissenlos ihre Interessen auf Kosten anderer vertreten. Ist das die Qualifikation, die man in einer Hochschule erwerben darf?