Hochschulen, Corona und jetzt?

Wie Hochschulen vom Krisenmodus
zu neuen Lehrstrategien für die digitale Welt gelangen

Future Skills – Diskussionspapier 4
 

Die Corona-Pandemie hat Hochschulen vor enorme Herausforderungen gestellt und zu einem Digitalisierungsschub geführt. Die Hochschulen waren gezwungen, in nur wenigen Wochen Lehrangebote, Prüfungen, Campusveranstaltungen sowie das Serviceangebot für Studierende weitgehend zu digitalisieren.

Dieses Diskussionspapier untersucht und bewertet, wie die Hochschulen auf diese beispiellose Situation reagiert haben. Grundlage ist eine repräsentative Umfrage unter Lehrenden und Studierenden an deutschen Hochschulen, die es erlaubt, ein erstes Resümee aus dem durch Corona geprägten Sommersemester zu ziehen. Betrachtet werden insbesondere die Umsetzung unterschiedlicher didaktischer Formate, die Fähigkeiten von Lehrenden und Studierenden sowie die bereitgestellte technische Infrastruktur.

Die Ergebnisse der Umfrage räumen mit einer Reihe von Vorurteilen auf. Im Juni 2020 haben mehr als 2.000 Lehrende in einem offenen Brief "zur Verteidigung der Präsenzlehre" vor einer "Zwangsdigitalisierung von Hochschulen" gewarnt. In der Öffentlichkeit entstand das Bild, dass Hochschullehrende digitale Bildung ablehnen, nicht über die notwendigen Kompetenzen verfügen und dass die technische Infrastruktur zur digitalen Lehre an Hochschulen nicht vorhanden ist. Die Umfrage zeigt ein differenzierteres Bild: Die Mehrheit der Lehrenden steht der digitalen Lehre positiv gegenüber, verfügt über die benötigten Digitalkompetenzen und hat Zugang zu einer adäquaten technischen Infrastruktur.

 

Die Key Findings aus der Untersuchung

  • In der Corona-Krise haben Hochschulen schnell gehandelt. Eine Befragung von mehr als 11.000 Studierenden und mehr als 1.800 Lehrenden an deutschen Hochschulen zeigt: Wurden im Wintersemester 2019/20 nach Angabe der befragten Lehrenden gerade einmal zwölf Prozent der Lehrangebote digital zur Verfügung gestellt, hat sich der Anteil seit Beginn der Pandemie auf 91 Prozent erhöht. Diese Umstellung erfolgte in der Regel innerhalb von 30 Tagen.
  • Dass sie mit der Umstellung auf digitale Lehrformate zufrieden seien, gaben etwa 60 Prozent der befragten Studierenden und Lehrenden an. Von Studierenden positiv bewertet wurde insbesondere die Umstellung von Lehrformaten in größeren Gruppen (wie Vorlesungen). Eher negativ bewertet wird die Umstellung von Lehrformaten in Kleinstgruppen (wie Übungen oder Laborarbeit).
  • Das Campusleben wird durch die Digitalisierung jedoch nicht ersetzt. Studierende honorieren zwar die Reaktionsschnelligkeit der Hochschulen; gleichzeitig sinkt die Zufriedenheit mit der Lernerfahrung im Vergleich zum Wintersemester (85 Prozent) im Sommersemester jedoch auf einen Anteil von 51 Prozent. Gründe dafür finden sich unter anderem im mangelnden Sozialleben unter Studierenden, in Motivations- und Konzentrationsproblemen beim Lernen zuhause sowie in unzureichenden Austauschmöglichkeiten mit Lehrenden.
  • Lehrende betrachten digitale Lehre überraschend positiv. Fast drei Viertel stehen einer langfristigen Digitalisierung der Lehre positiv gegenüber. Rund die Hälfte möchte auch zukünftig Veranstaltungen in digitalen Formaten anbieten.

 

Kontext und Methodik der Studie

Das Diskussionspapier wurde vom Stifterverband in Zusammenarbeit mit McKinsey & Company, Inc. erstellt. Methodisch basieren die im Folgenden dargestellten Ergebnisse auf zwei Onlineumfragen. Im Zeitraum vom 20. Juli 2020 bis zum 14. August 2020 wurden die Hochschulleitungen in Deutschland gebeten, die Fragebögen an Studierende und Lehrende weiterzuleiten. 44 Hochschulleitungen kamen dieser Bitte bei den Lehrenden nach, 55 bei den Studierenden. Insgesamt beteiligten sich mehr als 11.000 Studierende und mehr als 1.800 Lehrende. Studierende und Lehrende an Fachhochschulen sowie aus Nordrhein-Westfalen sind gemessen an der Quote in der Grundgesamtheit leicht überrepräsentiert, Studierende und Lehrende an Universitäten aus Baden-Württemberg unterrepräsentiert. Zusätzlich im Diskussionspapier berücksichtigt wurden Erkenntnisse der Future Skills-Initiative des Stifterverbandes sowie Arbeiten des Hochschulforums Digitalisierung und von McKinsey zu diesem Thema.

 

Ausblick – Was jetzt zu tun ist

Unmittelbare Verbesserungen für das Wintersemester 2020/21

  • Hochschullehre für das Wintersemester 2020/21 sichern und verbessern: Die Notwendigkeit zum Handeln ist weiter da – denn die Corona-Pandemie wird sich auch auf die kommenden Semester auswirken. Die strukturellen Voraussetzungen sind gegeben: der Wille der Betroffenen und die technische Infrastruktur für die Umsetzung. Dringender Handlungsbedarf für das Wintersemester besteht bei folgenden drei Punkten: der Priorisierung von Vernetzungsveranstaltungen für Studierende ohne Studienerfahrung und internationale Studierende, der Forcierung von Weiterbildungen sowie der Vereinheitlichung von IT-Lösungen. Mittelfristig angegangen werden sollten die Entwicklung von Lehrstrategien auf der Ebene von Fakultäten und Studiengängen, Entwicklung von Strategien zum kulturellen Wandel, der Ausbau didaktischer Formate, die Anpassung der Organisationsstruktur sowie die Nutzung von Lehrallianzen.
  • Hochschulen sollten Interaktions- und Präsenzformate vor allem für Erstsemester oder Austauschstudierende anbieten. Diese hatten bislang keine Erfahrungen mit dem regulären Campusleben und sind von der Einschränkung des Soziallebens im Hochschulkontext besonders betroffen.
  • Hochschulen sollten Fort- und Weiterbildungen von Lehrenden forcieren: Lehrende mit verbesserungswürdigen Digitalkompetenzen sollten verstärkt durch Fort- und Weiterbildungen gefördert werden. Darüber hinaus sind Lehrende insgesamt mehr als bisher zu befähigen, Future Skills an Studierende zu vermitteln.
  • Hochschulen sollten IT-Lösungen vereinheitlichen: Um Lehrenden und Studierenden einen effizienten Umgang mit digitalen Lehrformaten zu ermöglichen, sollten Hochschulen vorhandene IT-Lösungen vereinheitlichen und dabei Datenschutz- und Sicherheitsbedenken berücksichtigen.
  • Studierenden einen schnellen Zugang zu erforderlicher technischer Ausstattung ermöglichen: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt bereits Studierende in pandemiebedingten Notlagen. Da digitale Lehrformate jedoch langfristig erhebliche Chancen für die Hochschulbildung beinhalten, sollte die Politik eine zusätzliche Technikpauschale im Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) verankern und Studierenden dadurch unabhängig vom sozialen Hintergrund die Teilnahme an digitalen Lehrformaten ermöglichen.

 

Mittelfristige Verbesserungen der Hochschullehre

  • Hochschulen sollten eine umfassende Organisationsentwicklung vorantreiben: Nach der Bewältigung der Corona-Pandemie bedarf es einer umfassenden Organisationsentwicklung, um Chancen für die Modernisierung der Hochschullehre nutzen zu können. Ziel des Prozesses ist eine Erneuerung der Hochschullehre, die auf eine digitalisierte Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft vorbereitet und die die Potenziale der Digitalisierung für die Weiterentwicklung von Forschung und Lehre nutzt.
  • Hochschulen sollten Strategien zum kulturellen Wandel entwickeln: Die Fakultäten sollten anhand der Fächerkultur den richtigen Mix an digitalen und analogen Lehrformaten bestimmen und im Einklang mit der Gesamtstrategie der Hochschule in Studiengangkonzepte überführen.
  • Hochschulen sollten didaktische Formate ausbauen: Lehrende sollten didaktische Methoden entwickeln, die digitale und analoge Lehre integrieren und flexiblere Prüfungsformate ermöglichen.
  • Hochschulen sollten Organisationsstrukturen erneuern: Denkbar wäre die breite Etablierung studentischer Vizepräsidentschaften, um Studierende jenseits einer Mitwirkung im Senat stärker zu involvieren. Darüber hinaus sollten Hochschulen es erwägen, einen Chief Digital Officer einzusetzen, um holistische Maßnahmen der Digitalisierung zentral koordinieren und voranzutreiben zu können; dazu zählt auch der Aufbau von Allianzen zur gemeinsamen Förderung digitaler Lehrformate.
  • Hochschulen und Politik sollten Lehrallianzen und -cluster stärken: Die Politik sollte durch Incentivierung regionale und überregionale Lehrallianzen und -cluster fördern. Im Sinne der Empfehlung des Wissenschaftsrats, die Anwendungsorientierung in der Forschung zu stärken, sind daran nicht nur Hochschulen, sondern auch Unternehmen und Forschungsinstitute zu beteiligen. Ferner ließen sich im Rahmen von Allianzen und Clustern gemeinsam didaktische Formate, Wissensbestände und Ressourcen erarbeiten und teilen. Ein Beispiel ist die London School of Economics and Political Science, die durch die Entwicklung von Fallstudien Studierende ihre Fähigkeiten im Transfer auf praktische Fragestellungen testen und erweitern lässt. Davon würden auch Hochschulen profitieren, die nicht über entsprechende technische Voraussetzungen oder Lehrmethoden verfügen. Die Modalitäten zur Anrechnung von Leistungen, die bei fremden Hochschulen erbracht wurden, sind zu vereinfachen.

 

Mathias Winde | Said D. Werner | Barbara Gumbmann | Solveigh Hieronimus:
Hochschulen, Corona und jetzt?
Herausgegeben vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft
Erschienen im Oktober 2020

Kontakt

Dr. Mathias Winde

leitet im Stifterverband den Programmbereich "Hochschulpolitik und -organisation".

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