Durch Kooperation zum Standortprofil
Fallbeispiel Bielefeld

Forschungverbund MoRitS

 
Der Forschungsverbund Modellbasierte Realisierung intelligenter Systeme in der Nano- und Bio-Technologie, kurz MoRitS, ist eine vom Land Nordrhein-Westfalen geförderte gemeinsame Initiative der Universität und der Fachhochschule Bielefeld im Bereich der Nano- und Biotechnologie, welche Absolventen beider Hochschulen die Möglichkeit zur Promotion bietet.

 

Ausgangssituation und Genese

Um ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Metropolregionen zu stärken, engagieren sich Wirtschafts- und Bildungsakteure der mittelständisch geprägten Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) in zahlreichen gemeinsamen Initiativen. Hervorzuheben ist insbesondere das im Jahr 2011 gestartete Technologienetzwerk it’s owl mit 174 regionalen Unternehmen, Hochschulen, wissenschaftlichen Kompetenzzentren und wirtschaftsnahen Organisationen für Forschungsprojekte in den Bereichen Automatisierung, Automotive und Maschinenbau.

Die fünf staatlichen Hochschulen der Region haben neben einem gemeinsamen Studienförderfonds den Verein Campus owl gegründet, um sich unter anderem mit kooperativen Studien- und Promotionsangeboten stärker im Wettbewerb zu etablieren. Auf bilateraler Ebene – bedingt durch den Hochschulstandort in der gleichen Stadt und einer stark komplementären fachlichen Ausrichtung – arbeiten die Universität und die Fachhochschule Bielefeld bereits seit mehreren Jahren bei der Einwerbung von Drittmitteln für interdisziplinäre Projekte in Forschung und Lehre zusammen. Beispielsweise bieten sie gemeinsam einen Masterstudiengang BioMechatronik an und kooperieren unter anderem im Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC) sowie in einem Forschungsinstitut für Kognition und Robotik (Cor-Lab).

Der Forschungsverbund MoRitS ist im Jahr 2012 durch die gemeinsame Antragstellung bei der Förderausschreibung des Landes NRW zu „NRW.Forschungskooperationen Universität & Fachhochschule“ der Fachbereiche Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Fachhochschule und der Fakultäten für Biologie, Physik und der Technischen Fakultät der Universität entstanden. Die bei der Antragstellung beteiligten Personen waren bereits durch gemeinsame Lehr- und Forschungsaktivitäten mit der jeweils anderen Hochschule verbunden. So geht die Entstehung von MoRitS im Kern auf eine Gruppe von Personen zurück, die innerhalb einer Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bereits miteinander gearbeitet haben.

 

Beschreibung der Kooperation

MoRitS steht für einen gemeinsamen, interdisziplinären Forschungsverbund der Universität und der Fachhochschule Bielefeld im Bereich der Nano- und Biotechnologie mit Konzentration auf Energie- und Ressourceneffizienz, der qualifizierten Absolventen mathematisch-naturwissenschaftlicher oder ingenieurwissenschaftlicher Fachrichtungen von Universitäten und Fachhochschulen, das heißt auch über die Bielefelder Hochschulen hinaus, die Möglichkeit zur Promotion bietet.

Der Forschungsverbund gliedert sich in fünf Teilprojekte, denen jeweils ein Professor entweder der Fakultät Biologie, Physik oder der Technischen Fakultät der Universität sowie ein bis zwei Professoren des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Fachhochschule angehören. Innerhalb eines jeden Teilprojekts arbeitet mindestens ein Doktorand pro Hochschule. Als wissenschaftliche Mitarbeiter sind die Promovierenden entweder an der Universität oder an der Fachhochschule angestellt. Insgesamt sind am Forschungsverbund derzeit zehn Professoren beteiligt. Über einen Vierjahreszeitraum konnten insgesamt 17 Doktoranden im Projekt promovieren, wovon aktuell bereits mehr als die Hälfte die Promotion abschließen konnte. 40 Prozent der Promovierenden kommen von der Fachhochschule.

Die Doktoranden werden bei ihrer Promotion auf der Ebene des jeweiligen Teilprojekts sowohl von einem Professor der Universität als auch der Fachhochschule betreut (duale Betreuung). Die Erstbetreuung übernimmt grundsätzlich der Professor jener Hochschule, an welcher der wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt ist.

Die Arbeitsplätze der Wissenschaftler befinden sich an der jeweiligen Fakultät beziehungsweise am Fachbereich ihrer Hochschule. Der Austausch auf Teilprojektebene sowie die Betreuung der Promotionsvorhaben erfolgen durch informelle Rücksprachen und durch monatliche Treffen zwischen den Professoren und Doktoranden. Zweimal pro Jahr kommen alle Professoren und Doktoranden zu einem Retreat zusammen, um ihre aktuellen Forschungsarbeiten zu diskutieren.

Im Rahmen des Förderantrags sorgte das Land als Voraussetzung für eine größtmögliche Gleichstellung sowohl der Doktoranden als auch der Professoren von Universität und Fachhochschule hinsichtlich der Betreuungs-, Gutachten- und Prüfungsprozesse bei Promotionen, wobei das Promotionsrecht bei der Universität verbleibt. Um die Gleichstellungsvoraussetzung zu erfüllen, mussten die Promotionsordnungen in den Fakultäten teilweise überarbeitet werden. Dies betraf insbesondere die Bereiche Zugangsvoraussetzungen, Betreuung und Prüfungskommission. Dabei war zum Beispiel zu berücksichtigen, dass die Fachhochschulabsolventen nicht durch eine Zulassungsprüfung diskriminiert werden, die für Universitätspromovenden der gleichen Fakultät nicht erforderlich wäre.

 

Organisationsstruktur

Die gesamte Koordination des Forschungsverbunds sowie die Verwaltung des Projektbudgets erfolgen über eine Geschäftsführerin, die jeweils mit einer halben Stelle an der Universität und an der Fachhochschule angestellt ist. Sie selbst sieht in dieser Doppelanstellung ausschließlich Vorteile für ihre Arbeit: Durch ihren Globalblick auf das gesamte Projektbudget ergibt sich deutlich weniger Abstimmungsbedarf bei der Koordination von Ressourcenverteilungen. Durch die Zugänge zu den Infrastrukturen beider Hochschulen kann die Geschäftsführerin diese je nach Aufgabenstellung bestmöglich in Anspruch nehmen. Sie kommt nur selten in Legitimations- und Erklärungsnöte, da sie an beiden Hochschulen als feste Angehörige wahrgenommen wird. Dabei unterstützen sie kleine Hilfsmittel wie unterschiedliche E-Mail-Adressen (FH, Uni, MoRitS) für verschiedene Kommunikationswege.

Die Kommunikation innerhalb des Verbunds verläuft relativ schlank über informelle Absprachen sowie regelmäßige Treffen zwischen der Geschäftsführung und den beiden Sprechern des Verbunds beziehungsweise ihren Stellvertretern, die pro Hochschule gewählt werden. Zweimal pro Jahr wird für alle Beteiligten eine Vollversammlung durchgeführt, um die anliegenden inhaltlichen und verwaltungstechnischen Themen zu besprechen. Im Rahmen des Förderprogramms erfolgt eine jährliche Berichterstattung an das Ministerium zum Nachweis der zweckgebundenen Mittelverwendung ohne inhaltliche beziehungsweise qualitative Evaluationen.

 

Ressourcen und Vertrag

Die Basis für eine verstetigte Kooperation der beiden Hochschulen, insbesondere für gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, liefert eine im Jahr 2010 unterschriebene "Rahmenvereinbarung für Forschungspartnerschaften", die 2015 auf unbestimmte Zeit verlängert wurde. Als einer der Gründe für die Entfristung der Vereinbarung werden die erfolgreiche Zusammenarbeit innerhalb von zwei Forschungsverbünden genannt. Einer davon ist der Verbund MoRitS. Mit Bezug auf die bestehende Rahmenvereinbarung wurde für MoRitS ein Projektkooperationsvertrag mit detaillierten Regelungen beziehungsweise Beschreibungen unter anderem zur Projekt-, Arbeits- und Finanzplanung geschlossen. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Template, das grundsätzlich für Einzelkooperationen zwischen den Hochschulen genutzt werden kann, die zu regelnden Eckpunkte vorgibt und auf die Rahmenvereinbarung rekurriert. Damit soll der vertragliche Aufwand für einzelne Kooperationen zwischen den Hochschulen vereinfacht werden.

Mit Blick auf die im Vergleich zu Universitätsprofessoren grundsätzlich doppelt so hohe Lehrverpflichtung von Fachhochschulprofessoren erhalten Letztere für die Betreuungs- und Forschungstätigkeiten innerhalb von MoRitS keine expliziten Lehrdeputatsreduktionen. Sie können sich aber auf eine Forschungsprofessur der Fachhochschule bewerben, die für die Laufzeit eines Jahres die Lehrverpflichtung um die Hälfte vermindert. Die Fachhochschule vergibt jährlich fünf solche Forschungsprofessuren.

Die gegenseitige Nutzung der Infrastrukturen der Hochschulen ist vertraglich vereinbart. Dabei profitieren insbesondere die Doktoranden der Fachhochschule von der Möglichkeit der Nutzung der universitären Forschungslabore, da die Fachhochschule lediglich über Lehrlabore verfügt. Die Geschäftsführung verfügt sowohl über ein Büro an der Fachhochschule als auch an der Universität.

Finanziert wird der Forschungsverbund MoRitS durch das Programm NRW.Forschungskooperationen des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Das Ministerium unterstützte in einer ersten Förderphase von 2013 bis 2016 mit insgesamt 9 Millionen Euro sechs herausragende Forschungsverbünde zwischen Universitäten und Fachhochschulen des Landes, um besonders guten Absolventen beider Hochschultypen eine strukturierte Promotion im Verbund zu ermöglichen. Über das Programm werden zehn Doktorandenstellen gefördert. Die weiteren sieben Stellen werden über Eigenmittel der involvierten Fakultäten beziehungsweise Fachbereiche beider Hochschulen finanziert.

 

Nutzen

Für Doktoranden

  • Es gibt institutionalisierte Promotionsmöglichkeiten für Fachhochschulabsolventen mit klar geregelten Zulassungs- und Betreuungsprozessen.
  • Auch an der Fachhochschule werden Doktorandenstellen eingerichtet.
  • Die Promotionsbetreuung gewinnt durch die anwendungs- und die forschungsorientierte Expertise von Professoren von Universität und Fachhochschule
  • Doktoranden können aus einem größeren Pool an Erstbetreuern, die nun auch aus dem Kreis der Fachhochschulprofessoren kommen, auswählen.
  • Fachhochschul- und Universitätsdoktoranden tauschen sich zu Promotionsprojekten aus und vernetzen sich.

Für die Hochschulen

  • Es werden strukturelle und rechtliche Rahmenbedingungen für die Gleichstellung von Fachhochschul- und Universitätsprofessoren in Promotionsprozessen geschaffen.
  • Die Einrichtung von Doktorandenstellen ermöglicht den Aufbau eines akademischen Mittelbaus für die Fachhochschule. » Die Fachhochschule kann die Forschungsinfrastrukturen der Universität nutzen.
  • Die Kopplung von grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung sowie eine hohe Interdisziplinarität fördern innovative Forschungsprojekte.
  • Beide Hochschulen generieren Lerneffekte für die Durchführung von kooperativen Promotionen unter anderem zu notwendigen Anpassungen von Promotionsordnungen, zur Gestaltung von Kommunikations- und Abstimmungsprozessen zwischen den Hochschulen sowie zur optimalen Betreuung von Doktoranden.
  • Die kooperativen Lehr- und Forschungsangebote signalisieren Größe und stärken die Positionen beider Hochschulen unter anderem bei der Beantragung von Projektfördermitteln.
  • Beide Hochschulen profitieren durch die Forschungszusammenarbeit, weil es keine außeruniversitären Forschungseinrichtungen am Standort gibt, mit denen Kooperationen möglich wären.
  • Durch den Forschungsverbund ergeben sich weitere Vernetzungen sowohl zwischen den beiden Hochschulen als auch innerhochschulisch auf Ebene der Fakultäten beziehungsweise der Fachbereiche.
     

 Für die Region

  • Mit dem hochschulübergreifenden, strukturierten Promotionsangebot in einem für die Region Ostwestfalen-Lippe strategisch wichtigen Themenschwerpunkt wird die Profilierung der Stadt Bielefeld als Wissenschaftsstandort vorangetrieben.
  • Unternehmen profitieren von innovativen Forschungsergebnissen durch eine hohe Interdisziplinarität in den Projekten und die Kopplung von grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung.