Juliane Kronen: Mit Sachspenden weniger Müll

Wir wollen nicht nur nach reinen finanziellen Erfolgskriterien arbeiten. Keine normale Bank würde uns finanzieren, weil wir nicht gewinnorientiert sind.

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Non-Profit-Organisationen haben es in Deutschland nicht leicht: Die Finanzierung über Banken ist ihnen meist verbaut, weil sie nicht gewinnorientiert arbeiten, berichtet Juliane Kronen, Gründerin des Sozialunternehmens Innatura. Es sammelt ausgemusterte, aber noch gebrauchsfähige Ware von Firmen ein und verteilt sie an Hilfsorganisationen. Doch warum benachteiligt ausgerechnet das deutsche Steuerrecht solche Sachspenden, durch die man viel Abfall vermeiden könnte?

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Autor: Timur Diehn
Produktion: Gerd Sälhoff, Timur Diehn, Christian Slezak
für den YouTube-Kanal des Stifterverbandes

Transkript des Videos

Wir würden uns als klassisches Sozialunternehmen definieren, wobei klassisches Sozialunternehmen ist ein Widerspruch in sich selbst, also es ist ja eine neue Sicht zu sagen: Wir wollen nicht nur rein nach finanziellen Erfolgskriterien arbeiten.

Wir wollen ein soziales Problem adressieren. Und das Problem, was damals der Anlass zur Gründung war, war ganz einfach: Es werden auf der einen Seite Produkte entsorgt, die völlig gebrauchsfähig sind, und auf der anderen Seite gebraucht werden im sozialen Sektor, weil die Budgets dort enger werden. Es ist tatsächlich ein Unternehmen, also professionell aufgestellt wie ein Unternehmen, aber wir haben ein Cockpit, wo wir nicht nur sagen: Was verdienen wir? (Wir sind ein Start-up, das heißt im Moment kumulieren wir Anlaufverluste, also, wir verdienen noch nichts.) Aber die Frage ist auch: Was sind sonstige Größen von Anfang an, wie wir unseren Nutzen definieren? Und da gehen wir hin und sagen: Wieviel Tonnen Abfall haben wir vermieden bzw. umgeleitet? Das ist ja der Witz! Wir sagen ja nicht, wir reduzieren Abfall, sondern wir sagen ja: Wir stellen die Sachen wirklich zur Verfügung im sozialen Sektor. Wieviele Menschen haben wir erreicht? Wir können messen und sagen: Durch die Einsparung wie sehr können familienanaloge Einrichtungen, Notschlafstellen ihre Kapazität ausdehnen? Wie sehr können sie die Qualität von Versorgung verbessern? Das ist eine Frage, ob man sowas von Anfang an mit im Zielsystem hat. Ein klassisches Non-Profit-Unternehmen hat es nicht, aber wir haben es von Anfang an, weil wir unter anderem ja auch einen Sozialinvestor mit an Bord haben. Das heißt: Man guckt anders darauf.

Um was bitten wir eigentlich die Mitarbeiter in unserem Unternehmen? Das nennt sich normalerweise Zielvereinbarung. Es gibt Bewertungsschemata. Interessanterweise sind die sehr alt. Das sind irgendwelche Gehaltsstrukturen usw. Wenn Sie diese Größen nicht mit abbilden, also wenn Sie sagen: Wir messen auch, wieviele Produkte du dem sozialen Sektor zufügst. Oder wenn wir uns jetzt Cradle-to-Cradle-Produkte angucken: Ich könnte ja auch sagen: Wieviel Prozent des Umsatzes, den du vertrittst, oder des Produktsortimentes ist denn Cradle-to-Cradle, sprich: als ewige Ressource definiert? Das muss ich einführen, und das muss ich messen. Das dauert in der Regel lange oder ist eine sehr, sehr bewusste Entscheidung. Da tut man sich in der Regel schwer. Warum? Weil in der Regel an den Zielvereinbarungen auch Gehälter hängen, und dann zu sagen: Jetzt kommt es zum Schwur, und es liegt wirklich in meiner Verantwortung, auch Dinge zu ändern, das dauert einfach. Aber es geht. Es geht, und wenn ich an die Unternehmen denke, die Bodenbeläge machen, die einfach sagen: Wir nehmen uns das vor, dass wir bis in X Jahren, ich glaube, 20 Prozent des Sortimentes wirklich nach dem Prinzip entwickeln. Dann geht das. Was neu ist: Sie brauchen in der Regel für solche Lösungen Leute aus allen Abteilungen. Also, man sagt zwar immer, man arbeitet bereichsübergreifend in Unternehmen, aber es gibt doch sehr starke Silos. Also, die Entwicklung arbeitet für sich, die Produktion für sich, der Vertrieb für sich. Aber an der Ecke müssen Sie wirklich alle an einen Tisch holen und anders daraufgucken als bisher.

Gibt es andere Hürden? Absolut. Wir haben in Großbritannien ja eine Charity-Kultur, die eher in den amerikanischen Bereich geht, auch was Funding angeht. Also, Sie bekommen dort Anschubfinanzierung für soziale Projekte oder ein Sozialunternehmen. Das ist in Deutschland viel schwieriger. Also, wir sind ein Projekt, was sogenannt nicht bankable ist, also keine normale Bank würde uns finanzieren, weil wir nicht gewinnorientiert sind. Das heißt, dass man ja nicht den Cashflow generiert, um seine Darlehen zu bedienen, aber das ist in Deutschland schwierig. Da tut sich erst langsam etwas. Und wir haben in Deutschland andere steuerrechtliche Regelungen, wie Sachspenden behandelt werden. Sie werden in Deutschland als Unternehmen dafür bestraft, wenn Sie Produkte schenken oder verschenken statt sie zu entsorgen. Sie müssen es in Deutschland wie einen Umsatz bewerten. Und selbst wenn sie eine Spendenquittung dafür bekommen, haben Sie immer noch einen Teil der Umsatzsteuer, auf der Sie sitzenbleiben. Also, das heißt, Sie müssen noch Bargeld ans Finanzamt abführen, wenn Sie die Ware nicht entsorgen. Das ist in England oder in Großbritannien nicht der Fall, in Frankreich auch nicht. Das ist in Deutschland nur für Backwaren geändert worden, und wir arbeiten halt auch daran, dass sich das ändert, weil es ja gesellschaftspolitisch nicht sein kann. Also, ich belohne ein Unternehmen für die Entsorgung oder die Vernichtung statt Produkte einfach zur Verfügung zu stellen. Und in Frankreich gibt es jetzt eine neue Rechtsprechung: Supermärkte dürfen keine Lebensmittel mehr entsorgen, sondern müssen sie lokal Charities zur Verfügung stellen.

Ich habe ja auch bei WZG sogenannte Social-Impact-Projekte gemacht, also, ich habe viel für Gemeinnützige gearbeitet. Also, ich meine, es ist ja schon länger der Fall, dass man sagt: Themen, die als wahnsinnig radikal gelten, kommen irgendwo im Mainstream an. Das sind zum Teil Ideen der Grünen oder beim Alternativen Nobelpreis ist das Thema: Wir müssen uns Gedanken machen über das Thema Umwelt und Menschenrechte. Also, inzwischen ist das doch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das ist ja nicht mehr so wahnsinnig radikal. Das Schöne ist, dass Sie inzwischen auch an den Entscheiderstellen Menschen in Unternehmen haben. Ich meine, es gibt ja nicht *das* Unternehmen, das gibt es als Rechtsperson, aber da arbeiten ja Menschen, die sich auch gutfühlen wollen mit dem, was sie tun. Also, ich trage nicht ganz so den Eindruck zu sagen: Die geben das alle an der Garderobe ab. Also, das sehe ich nicht so, sondern da sind Menschen, die auch den Anspruch haben zu sagen: Das, was ich tue, soll auch kongruent sein oder stimmig sein mit dem, was mir auch persönlich wichtig ist. Und das sind genau die, die sagen: Mensch, ist doch Wahnsinn! Persönlich versuche ich, mich irgendwie umweltbewusst zu benehmen, aber als Unternehmen entsorgen wir jeden Tag ganze Lkw, einfach um jetzt mal dieses Beispiel zu nehmen. Oder zu sagen: Möchte ich wirklich selber mit diesen Schadstoffen konfrontiert werden? Und die Frage: Was ist das Richtige zu tun? Ich glaube, das kommt an, weil wir auch eine Vielfalt in der Ausbildung haben und in dem, was Menschen wichtig ist. Da gibt es ja Studien, was ist Leuten in einer bestimmten Generation wichtig. Ich glaube aber umgekehrt, dass es immer noch eine klassische Ausbildung gibt, die mit einem sehr reduzierten Modell vorgeht. Es gibt inzwischen ja auch Hochschulen, die sagen: Wir wollen Bildung und Ökonomie wieder mit humanistischer Bildung verbinden usw. Was passiert ist, in der klassischen BWL, ich habe in Köln studiert: Sie reduzieren in einem Modell ja alles auf die Frage Gewinn/Verlust, auf die Frage Kosten usw. Sie lassen ja diese ganzen Aspekte: Wie zufrieden sind meine Mitarbeiter? Wie zufrieden sind meine Kunden? Was ist der Footprint, den ich hinterlasse? Die gibt es ja in dem Modell nicht. Also gehen Sie davon aus: Die gibt es auch in der Realität nicht. Das ist dann einfach vergessen. Die Form der Ausbildung gibt es immer noch, aber ich sag mal: Es kommt einfach mehr dazu. Hoffe ich, hoffe ich. Wenn ich mir weltweit angucke, wie die Sachen da ticken, also wenn ich den nächsten Klimagipfel sehe in Paris, dann muss ich sagen: Da mache ich mir echt Sorgen.