Neue Wege in der Juristenausbildung
Der Stifterverband fordert eine Reform der Rechtswissenschaften.
Eine Expertenkommission hat Bausteine für einen neuen Weg in
der Juristenausbildung erarbeitet. Kern ist ein dreijähriger Bachelor
als Regelstudiengang mit dem Master als Option.
Laut dem Modell soll das sechssemestrige Studium mit einem Bachelor of
Law (LL. B.) enden. Für die reglementierten Berufe (Richter und Staatsan-
walt, Rechtsanwalt und Notar) ist wie bisher eine einheitliche staatliche
Prüfung vorgesehen. Sie entspricht im Wesentlichen der bisherigen Pflicht-
fachprüfung und ist Eingangsprüfung für das zweijährige juristische Refe-
rendariat.
Wer die staatliche Eingangsprüfung für das Referendariat ablegen möchte,
soll nach den Vorstellungen der Experten einen juristischen Bachelorabschluss
und zusätzliche Studienleistungen im Umfang von mindestens einem Studien-
jahr vorweisen. Diese können sowohl in einem speziellen einjährigen Master-
programm erbracht werden als auch innerhalb eines anderen Masterstudi-
ums mit juristischem Bezug. Der Bologna-Prozess bietet nach Ansicht der
Experten die Chance zu einer Verbesserung des Studiengangs Rechtswis-
senschaften.
Neue Wege in der Juristenausbildung
Die Empfehlungen der Expertenkommission
herausgegeben von Andreas Schlüter und
Barbara Dauner-Lieb
Edition Stifterverband, Essen 2010
40 Seiten
ISBN: 978-3-922275-35-0
PDF-Download
In Zusammenarbeit mit dem DAAD und der HRK veranstaltete der Stifterverband
am 18./19. März 2010 in Berlin die internationale Konferenz "New Perspectives of
Legal Education in Europe". Rund 200 Teilnehmer, darunter zahlreiche internatio-
nale Gäste u.a. aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien,
Polen tauschten ihre Erfahrungen mit dem Bologna-Prozess und curriculare und
didaktische Ansätze einer modernen Juristenausbildung aus. Zur Konferenz
wurden die Empfehlungen der Expertenkommission vorgestellt.
Mehr Info zur Konferenz
Die Diskussion über vermeintliche oder tatsächliche Missstände und daraus resultierende Reformerfordernisse der Juristenausbildung in Deutschland ist auch nach der zum Wintersemester 2003/04 in Kraft getretenen Reform nicht verstummt. Noch immer gibt es aus Kreisen der Anwaltschaft und der Wirtschaft Kritik an der vorrangigen Ausrichtung am Staatsdienst; auch die Absolventen beurteilen Praxisbezug und Berufsorientierung als unzureichend.
Trotz erheblicher Anstrengungen der Hochschulen, die Studierenden bei der Examensvorbereitung zu unterstützen, scheint der Zulauf zu den privaten Repetitorien ungebrochen. Ungelöst ist das Problem der Stofffülle, die auf Grund zunehmender Gesetzgebungsaktivitäten in den nächsten Jahren weiter wachsen wird. Fraglich ist, inwieweit das bestehende Ausbildungssystem den Herausforderungen gerecht wird, die sich durch die Europäisierung des Rechts und die Globalisierung von Unternehmen ergeben.
Der Bologna-Prozess hat die anhaltende Reformdebatte weiter befördert. Zwar überwiegt in der Rechtswissenschaft bis dato die Skepsis gegenüber einer Umstellung des Jurastudiums auf Bachelor-/Masterstrukturen; unter Fachvertretern und in den einschlägigen Berufsverbänden mehren sich aber in jüngster Zeit Stimmen, die für die Einbeziehung der Juristenausbildung in den Bologna-Prozess plädieren.
Vor diesem Hintergrund hat der Stifterverband im August 2007 eine zwölfköpfige Expertenkommission eingesetzt. Sie ist mit hochrangigen Vertretern der Justiz, der juristischen Fakultäten, internationaler Kanzleien und Wirtschaftsunternehmen unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Schlüter (Generalsekretär des Stifterverbandes) und Prof. Dr. Barbara Dauner-Lieb (Lehrstuhl für Bürgerliches Recht an der Universität Köln) besetzt.
Aufgabe dieser Expertenkommission ist es, neben einer Standortbestimmung
der deutschen Juristenausbildung auch konkrete Vorschläge für eine Reform
zu erarbeiten, die im Einklang mit dem Bologna-Prozess steht. In dem breiten
Diskussionsprozess, an dem alle juristischen Berufsgruppen mitwirken, soll das
Augenmerk auf der Internationalisierung, dem schnellen Wandel des positiven
Rechts, aber auch auf der wachsenden Bedeutung der Grundlagenfächer liegen.
Im Februar 2008 fand ein Hearing
(Foto) statt, um vor einer breiten
Fachöffentlichkeit die bereits geplan-
ten Bachelor- und Master-Modelle
für die Juristenausbildung einander
gegenüberzustellen. Die ehemalige
Vorsitzende des Bundesverfassungs-
gerichts, Prof. Dr. Jutta Limbach,
leitete die Tagung. Neben den
Justizministern der Länder waren auch die Bundesrechtsanwaltskammer
und der Deutsche Anwaltverein eingeladen.
Ausführlicher Bericht in Wirtschaft & Wissenschaft 2/2008 (PDF, 558 kB)
Die Mitglieder der Expertenkommission
- Prof. Dr. Barbara Dauner-Lieb
Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Handels- und Gesellschaftsrecht, Arbeitsrecht und Europäische Privatrechtsentwicklung an der Universität zu Köln - Stephan Göcken
Geschäftsführer der Bundesrechtsanwaltskammer - Dr. Joachim Jahn
Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Dr. Hans-Dirk Krekeler
ehemaliger Leiter der Rechtsabteilung, Deutsche Bank AG - Hasso Lieber
Staatssekretär, Senatsverwaltung für Justiz Berlin - Dr. Georg Maier-Reimer
Partner von Linklaters - Johannes Riedel
Präsident des Oberlandesgerichts Köln - Prof. Dr. Katharina Gräfin von Schlieffen
Lehrstuhl für Öffentliches Recht, juristische Rhetorik und Rechtsphilosophie, Fern-Universität Hagen - Prof. Dr. Andreas Schlüter
Generalsekretär des Stifterverbandes - Prof. Karsten Schmidt
Präsident der Bucerius Law School - Dr. Jan Thiessen
Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Privates Bau- und Immobilienrecht sowie Neuere und Neueste Rechtsgeschichte, Humboldt-Universität zu Berlin - Prof. Frans Vanistendael
Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leuven
Ansprechpartnerin
| Aktueller Stand Die Empfehlungen der Experten- kommission wurden anlässlich der internationalen Konferenz New Perspectives of Legal Education in Europe veröffent- licht. Dotierung 150.000 Euro |