Gunter Dueck:
Das Wissen muss ins Internet


Interview für das Stifterverband-Magazin "Wirtschaft & Wissenschaft"
(Heft 1/2012, erschienen im April 2012). Das Gespräch führte Timur Diehn.



Die Digitalisierung der Industriegesellschaften schreitet voran. Vor welchen Herausforderungen stehen klassische Industriebranchen?

Dass in Deutschland keine Amazons und Googles entstehen, liegt daran, dass wir zu oft das Alte retten wollen, auf Anpassung hoffen, statt das Neue zu fördern. Möchte man mehr Arbeitsplätze erzeugen, muss man das Netz viel besser ausbauen, so dass neue Industrien entstehen, zum Beispiel Telemedizin oder machine to machine communication, die auf totale Netzverfügbarkeit angewiesen sind. Die klassischen Märkte werden ihre vorhandenen Arbeitsplätze weiter automatisieren, vor allem bei der Verwaltung. Nicht nur Banken, Verlage, Krankenkassen und Verwaltungen unterliegen einer dramatischen Virtualisierung und Schrumpfung. Den Aufbau ganz neuer Branchen hingegen schafft der Markt allein nicht energisch genug – das ginge mit konzertierter Politik besser. Wir sollten uns fragen, was genau wir jetzt ins Leben rufen wollen!


Was meinen Sie genau damit?

Deutschland muss zu einem Land der höherwertigen Dienstleistungen umgestaltet werden. Dazu muss eine Aufwärtsspirale hin zu hoher Professionalität in Gang gesetzt werden. Die Arbeit wird immer komplexer und verlangt weit mehr Menschen, die Projekte leiten, aushandeln und umsetzen oder sogar eigenständig Kreativität in die Systeme schleusen. Fachliches Können ist nicht mehr allein ausreichend für einen sicheren Job. Diese Erkenntnis ist aber noch überhaupt nicht von den Bildungssystemen erfasst worden. Da geht es nur um das Lernen von "Stoff" – der jetzt übrigens schon im Internet besser zu finden ist als in den Schulbüchern.


Aus Ihrer Sicht beginnt der eigentliche Transformationsprozess der Dienstleistungsgesellschaft erst.

Man könnte jetzt viele breit wirksame Projekte anstoßen! Wir brauchen "Betriebssysteme" für Häuser, Autos, Telemedizin, Verkehr und Energienetze. Das würde zu einem Infrastrukturboom in der Wirtschaft führen. Leider ist in allen diesen Fällen nicht klar, welcher Industriebereich "zuständig" ist, weil große Plattformen nur übergreifend entstehen. Grundsätzlich schlage ich vor, zur Beschleunigung der neuen Wissensgesellschaft alles Wissen ins Internet zu stellen. Warum werden Studenten nicht verpflichtet, aus Hausarbeiten ein paar Wikipedia-Einträge zu machen? Warum stellen Kliniken nicht Krankenfotos und erklärende Kommentare zur Ausbildung ins Netz? Dadurch würden Studenten mittelfristig mehr lernen als in Hörsälen. Ich glaube, aus der besseren Aufbereitung von Wissen könnte eine ganz neue Industrie entstehen, die alle anderen Zukunftsbranchen beflügeln würde. Jeder könnte im Netz studieren.


Noch mehr Zukunftsoptimismus bitte.

Luxusmodelle vom BMW, Daimler und Audi haben bereits eine so exzellente Abstandssensorik, dass sie computergesteuert nie mehr gegen etwas fahren können. Sie bremsen zum Beispiel auf der Autobahn automatisch. Wenn Autos aber keine Unfälle mehr machen können, ist die größte technische Hürde genommen, um Autos automatisch fahren zu lassen. Ohne Fahrer. Heute sind höchstens zehn Prozent aller Autos gleichzeitig auf der Straße, die meisten parken ja nur. Lässt man alle Autos automatisch fahren, könnte man sie alle zu Taxis erklären, die per Smartphoneknopfdruck anfahren und uns auf Wunsch befördern. Dann könnten wir mit vielleicht 15 Prozent der heutigen Autozahl auskommen, wir brauchen viel weniger Umweltverschmutzung, Versicherungen, Reparaturwerkstätten. Sie merken aber schon, dass so ein Paradigmenwechsel zu großen Verwerfungen führen wird. Und vor solchen Veränderungen hat Deutschland mehr Angst als Amerika.

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