Michael Sonnabend:
Über deutsche Titelhuberei –
Eine Polemik

Ist der Doktorgrad Ausweis der Leistung seines Trägers?

Eine Stimme dagegen.


28. Februar 2011

Zu den bemerkenswerten, um nicht zu sagen: putzigen Erscheinungsformen
in Deutschlands gehört das selbstbewusste Tragen des akademischen Titels
in der Öffentlichkeit.

Die Inhaber eines Doktors oder Professors führen hierzulande ein hochange-
sehenes Dasein. Der akademische Titel suggeriert der Welt, dass man es bei
seinem Träger mit einer besonderen Persönlichkeit zu tun hat, die, ausgestat-
tet mit den Insignien der akademischen Welt, nicht nur zu Höherem berufen,
sondern jederzeit auch zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage ist.

Dass es sich hier nur um einen Trugschluss handeln kann, ist jedem halbwegs
geradeaus denkenden Mensch klar, nicht nur jenen, die ihren Namen ganz
ohne Verzierungen tragen. Denn der Doktortitel – ursprünglich ein Meilenstein
in einer akademische Karriere – hat im real life der Büros, Agenturen und
Kanzleien nur äußerst bedingte Aussagekraft. Denn hier, außerhalb der ge-
schützten Uni-Mauern, braucht es ein bisschen mehr als die bloße Aura von
zwei Buchstaben: Persönlichkeit, Rückgrat, Souveränität, Entscheidungs-
freude, soziale Kompetenz.

Warum auch sollte jemand, der es ausgehalten hat, sich jahrelang als Koffer-
träger der universitären Professorenherrlichkeit krumm zu machen, urplötzlich
zur Führungsfigur und Lichtgestalt des Bürolebens mutieren? Wieso sollte je-
mand, der über viele Jahre in größter Einsamkeit auf hunderten von Seiten
knochentrockene Forschungsstände rekapituliert und paraphrasiert, plötzlich
im Berufsleben jene Effizienz, kaltschnäuzigen Pragmatismus und Teamfähig-
keit verkörpern, den jede halbwegs anspruchsvolle Stellenanzeige einfordert?
Wieso sollte jemand, der jahrelang an einem Werk arbeitet, das allenfalls
der Doktorvater (und häufig nicht einmal der) liest, sich im Leben als jemand
entpuppen, der in knapper Form und glasklarer Sprache auf den Punkt zu
bringen vermag, woran jene, die nicht vom Feenstaub einer Alma Mater
erleuchtet wurden, natürlich und jederzeit scheitern müssen?

Hinzu kommt die Inflation der Titelhuberei. Denn wer über die oben genann-
ten Charaktereigenschaften, die die jahrelange Selbstverleugnung erst er-
möglichen, nicht verfügt, der kauft sich halt einen schmückenden Titel.
Der Weg dorthin ist nur eine Google-Abfrage und ein paar Tausend Euro
entfernt.

Und so muss man sich eigentlich grämen als hochdekorierter Akademiker in
Deutschland. Denn die Aura des Titels verblasst. Noch sind wir nicht so weit
wie in England oder den USA, wo man als titeltragender Zivilist ausgelacht
würde. Aber auch hierzulande mehren sich die Zeichen, dass man sich
Respekt und Würde nur als Persönlichkeit erwerben kann. Ja, gottlob,
es wird immer deutlicher, dass der Doktortitel nicht mehr wert ist als ein
Seepferdchenabzeichen.

cl-re schrieb am 2011-03-01 14:28:21

Wie kommt der Autor zu der Aussage, Doktoranden seien "Kofferträger der universitären Professorenherrlichkeit", die "über viele Jahre in größter Einsamkeit auf hunderten von Seiten knochentrockene Forschungsstände rekapituliert und paraphrasiert" hätten? Wie kommt er dazu, den Doktortitel als "Seepferdchenabzeichen" zu bezeichnen? Nun, wer selbst nicht promoviert hat, kann natürlich nicht wissen, welcher hard und soft skills es bedarf, um der akademischen Elite beitreten zu dürfen. Welches hohe Ansehen der Doktorgrad immer noch - mit Recht - hat, beweist der Autor mit seiner Polemik, aus der offensichtlicher Neid spricht. In einem stimme ich dem Autoren jedoch zu: "Respekt und Würde" kann man sich "nur als Persönlichkeit erwerben". Zu einer solchen Persönlichkeit gehört jedoch auch, die Erfolge anderer anzuerkennen, statt sie kleinzureden. Nur wer Respekt zeigt, darf für sich selbst Respekt erwarten.

Thomas Weinhold schrieb am 2011-03-02 10:04:03

Das Problem ist nicht der Titel selbst, sondern die allgemeine Ehrfurcht davor. Und die mangelnde Bereitschaft, Expertentum kritisch zu hinterfragen. Der Doktor ist der akademische Orden, aber eine Dissertation soll doch im Grunde nur in der wissenschaftlichen Welt zu Höherem befähigen, und zwar in dem eigenen Fachgebiet. Zu diesem Zweck ist das Tragen eines Titels nicht vonnöten. Andererseits kann hat der Doktor auch einen Vorteil: Je nach Penetranz der Verwendung durch seinen Träger kann man auf dessen Eitelkeit schließen.

Maria Winkelmann schrieb am 2011-03-09 15:34:31

... doch, doch, wir wissen schon, welcher "skills" es bedarf, um "akademischen Eliten" beitreten zu dürfen. Kofferträgerei ist dabei noch eine der harmlosen Formen. Akademisches Duckmäusertum ist an der Tagesordnung, und die Promotion ist allzu oft kein Ausweis einer außergewöhnlich schöpferischen Leistung als vielmehr eine – von anderen aufgenötigte – außergewöhnliche Leistung in Komplexitätsreduktion und eine Einübung in Denkverbote, die in absurden Schulenstreitereien gelegentlich "theoriegeleitete Forschung" genannt werden. Die dabei häufig zu beobachtende Selbstinszenierung erfolgreich Initiierter als schmerzgrenzerfahrene mönchisch-zölibatäre Ritter der Vernunft im Dienste der Menschheit wäre einfach nur ulkig, wenn man nicht wüsste, auf wessen Kosten derlei Selbstvergewisserung zum größten Teil erworben wird. Und in der Tat: Durch deutsche Titelhuberei (in Österreich ist es ja noch absurder) entsteht allein schon im Wissenschaftsbetrieb ein großer Schaden wegen hanebüchener Deprofessionalisierung bei Aufgaben wie Organisation, Geschäftsführung, Öffentlichkeitsarbeit oder Sekretariat – können muss man das nicht, Hauptsache, der Kandidat ist promoviert. Wer übrigens Ehrfurcht heischt für eine Leistung, die zuallererst für gar nichts steht außer für sich selbst, wer Ehrfurcht heischt dafür, Mitglied einer akademischen Elite zu sein, hat keinen Neid verdient. Und die Dissertation nach Gutsherrenart ist beileibe kein bedauerlicher Einzelfall.

cl-re schrieb am 2011-03-10 18:42:59

Sicher kann man darüber nachdenken, ob das Führen eines akademischen Titels außerhalb des Wissenschaftsbetriebs Sinn macht. Viele Promovierte verzichten darauf. Doch dass die Diskussion von Leuten geführt wird, die zu einer solchen intellektuellen und persönlichen Leistung entweder nicht fähig oder nicht willens sind, finde ich - höflich gesagt - etwas irritierend. Erst nachmachen, dann mitreden...!

Maria Winkelmann schrieb am 2011-03-11 10:25:43

... wie wär's einmal mit: Erst fragen, dann schießen ... ? Gegenteiliges Verhalten ist so peinlich unwissenschaftlich (quod erat demonstrandum?)

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