Stephan A. Jansen:
Sinnlichere Nabelschnüre
zur Alma Mater
Vorlesungen sind heute zumeist die Kollateralschäden von notwendig
gewordenen Massenbeschallungen. Sie sind unklug, wenn man es mit
mitdenkenden, nachfragenden und forschen Studierenden zu tun hat.
Originalbeitrag für Meinung & Debatte, 4. August 2011
Wie wird eigentlich die Lehre der Universität des 21. Jahrhunderts? Denken
wir über die Zukunft der Universität, dann nicht hysterisch, sondern historisch.
Die Historie der Universität ist auch eine Historie der gesellschaftlichen Verbrei-
tungsmedien: Konstituierte die Einführung der Sprache die Stammesgesellschaf-
ten, die der Schrift die antike Hochkultur, die des Buchdrucks die "Moderne", so
konstituiert die Einführung des Computers und – mit ihm als Knoten – die Ein-
führung des Internet eine neue Gesellschaft, die mit Vernetzung, materieller
und zeitlicher Virtualisierung und Ubiquität von Wissen beschrieben wird.
Universitäten sind multimedial
Universitäten als Orte des Nichtwissens, der Frage, des Zweifels sind im enge-
ren Sinne multimedial, d.h. sie vermitteln und ermitteln Wissen im Medium der
Sprache, der Schrift und des Internets. Friedrich Nietzsche hatte in seiner Basler
Vortragsreihe 1872 die Anforderungen "Über die Zukunft unserer Bildungsanstal-
ten" mit einer Geschichte illustriert: "Wenn ein Ausländer unser Universitätswe-
sen kennenlernen will, so fragt er zuerst mit Nachdruck: 'Wie hängt bei euch
der Student mit der Universität zusammen?' Wir antworten: 'Durch das Ohr,
als Hörer.' Der Ausländer erstaunt. 'Nur durch das Ohr?', fragt er nochmals.
'Nur durch das Ohr', antworten wir nochmals. Wenn er spricht, wenn er sieht,
wenn er gesellig ist, wenn er Künste treibt, kurz, wenn er lebt, ist er selbst-
ständig, das unabhängig von der Bildungsanstalt. Sehr häufig schreibt der
Student zugleich, während er hört. Dies sind die Momente, in denen er an
der Nabelschnur der Universität hängt."
Die Vorlesung ist unerhört
Heutige neuro-, kognitions- wie kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisse
belegen Nietzsches Vermutung: die Vorlesung ist unerhört! Unerhört unklug,
wenn man mit klugen, mitdenkenden, nachfragenden und forschen Studieren-
den zu tun hat. Unerhört, wenn man von Ausbildung auf Bildung umstellt.
Vorlesungen sind heute zumeist die Kollateralschäden von notwendig gewor-
denen Massenbeschallungen als Zwangsbeglückung. "Audimax" klingt ja
schon verräterisch genug. Die Zeppelin Universität bemüht sich seit ihrer
Gründung, diese Nabelschnur zur nährenden Mutter sinnvoller zu gestalten.
Aber was heißt das genau für die Vorlesung?
Das Erzeugen von erinnerbaren Präsenzsituationen
Walter Benjamin analysierte 1936 das sich verändernde Verhältnis der Masse
zur Kunst. Aber Imitate und Reproduktionen der Kunstwerke können nach Ben-
jamin in der Masse eines nicht imitieren: die Echtheit. Was ist noch Bildung im
Kontext der Reproduzierbarkeit für die Massen im Interaktionistischen? Es sollte
der Universität um das Erzeugen von erinnerbaren Präsenzsituationen gehen,
die sich – und das wäre der Clou – der Dokumentation und Niederschrift ver-
weigern. Unwiederbringliche und dadurch erinnerbare Momente sind Momente
dieser Verweigerung der Dokumentation. Es scheint bei der derzeitigen Voll-
dokumentation aller universitärer Energie im Internet so, als sei der Abwesende
näher als der Anwesende, die Omnipräsenz auf allen digitalen Kanälen der
Grund für die Präsenzlosigkeit. Die Lehre der Universität kann im Zeitalter des
Internet nur noch eine der Präsenz sein, in der riskantes Denken und rastloser
Dissens unter Anwesenden geübt wird. Dokumentationen und Niederschriften
sind damit lediglich vor- oder nachbereitend.
Ersetzt die Standard-Vorlesung durch das Vorherlesen der Dokumentation!
Seid ermittelnder in der Vermittlung! Übt die Riskanz in Präsenz!
Der Autor
Stephan A. Jansenist Präsident der
Zeppelin University
in Friedrichshafen.
Der Wirtschaftswis-
senschaftler ist dort
Professor für Strategische Organi-
sation & Finanzierung.
Foto: Michael Herdlein
Sigrid M. schrieb am 2011-08-11 18:42:25
Beide Beiträge sind zwar sehr klug geschrieben, aber leider nicht so überzeugend, als dass ich mir ein gutes Bild beider Positionen machen könnte. Der Schlusssatz hier ergibt sich für mich nicht zwingend aus dem Beitrag. Wie soll ich also abstimmen können? Wenn ich an die Massenveranstaltungen meiner Studentenzeit denke, halte ich Vorlesungen im Grundstudium für bedenkenswert. Nach dem Demographiewandel mögen sie wieder handhabbarer sein als Instrument der Wissensvermittlung. Dennoch: Das "Angesicht zu Angesicht" mit Mimik und Gestik im "Gespräch" ist nicht durch neue mediale Formen zu ersetzen, man lernt mit allen Sinnen - quasi sinnvoll. d.h. geschmackvoll, geräuschvoll, geruchsvoll, nicht nur für den Augenblick das Wissen fühlend.