Ulrich Dirnagl:
Kaum besser als ein Münzwurf
Viele präklinische Studien taugen nichts. Das führt zu teuren Fehlschlägen bei der Suche nach neuen Medikamenten. Wissenschaftler, Förderorganisatoren und Herausgeber von biomedizinischen Journalen müssen sich deshalb gemeinsam für eine gute wissenschaftliche Praxis einsetzen.
Originalbeitrag für "Meinung & Debatte", 19. Oktober 2011
Die "translationale Medizin" steckt in einer Krise. Gerade der Bereich der medizinischen Forschung hat ein Qualitätsproblem, der sich mit der Übertragung von Grundlagenergebnissen in neue, effektive Behandlungstrategien befasst. Trotz großer Fortschritte im Verständnis der molekularen Mechanismen einer Vielzahl von Erkrankungen haben die Patienten kaum etwas davon. So erweisen sich die allermeisten potentiellen Therapeutika auf dem langen und teuren Weg aus dem Labor zur klinischen Zulassung als nicht wirksam. Bis zu 90 Prozent überstehen ihn nicht, verursachen dabei aber Entwicklungskosten von vielen hundert Millionen Euro pro Medikament. Und unter den letztendlich zugelassenen Medikamenten finden sich wiederum viele, die eine zwar "statistisch signifikante", aber nur geringe Verbesserung für den Patienten bewirken.
International besteht weitgehend Einigkeit in der Diagnose: Es gibt eine "translationale Barriere". Sowohl die akademische Medizin als auch die pharmazeutische Industrie beklagen diesen sog. "translational roadblock". Um Ursachen ist man nicht verlegen, aber ein wichtiger und behebbarer Grund für die gegenwärtigen Probleme findet nicht die nötige Aufmerksamkeit: Qualitätsprobleme in der translationalen Medizin.
Zu nennen wären hier Mängel im Design und der Auswertung von experimentellen Studien, wie zum Beispiel das Fehlen von randomisierter (also zufallsgesteuerter) Versuchgruppen-Zuordnung, fehlende oder fehlerhafte Anonymisierung ("Verblindung"), Vorabfestlegung von Ein- und Ausschlusskriterien, selektive Bildmanipulation, geringe statistische Power. Hinzu kommen niedrige Standards im "Reporting", also den Dingen, die bei einer Publikation angegeben werden müssen. Mit anderen Worten, es existiert eine starke Tendenz zur Veröffentlichung von nur scheinbar vielversprechenden Resultaten. In der Folge wird oft eine aufwendige klinische Prüfung begonnen, deren (negatives) Ergebnis bei Durchführung von präklinischen Studien hoher Qualität eigentlich vorhersehbar gewesen wäre.
Gibt es Belege für diese Hypothese? Leider ja: Die durchschnittliche statistische Power von Experimenten in der translationalen präklinischen Forschung ist häufig nur wenig über 0.5, sie entspricht der Vorhersagekraft eines Münzwurfes. Wo präklinische Studien quantitativ meta-epidemiologisch und mit systematischen Reviews untersucht wurden, fand man einen umgekehrten Zusammenhang zwischen der Qualität einer Studie und der Effektgrösse: Präklinische Studien niedriger Qualität zeigen in der Regel wesentlich deutlichere Therapieeffekte als solche von hoher Qualität. Häufig wäre bei korrektem Studiendesign gar kein therapeutischer Effekt mehr nachweisbar. Systematische Analysen der Qualität von wissenschaftlichen Artikeln zur translationalen Medizin belegen gravierende Mängel. Dazu gehören fehlende Angaben zu den Maßnahmen zur Verhinderung von Verzerrungen, fehlende Nennung von Hypothesen, Anwendung falscher statistischer Methoden etc.
Was tun? Wissenschaftler, Förderorganisatoren und Herausgeber von biomedizinischen Journalen müssen das Problem gemeinsam angehen. Wir brauchen eine strukturierte Ausbildung in guter wissenschaftlicher Praxis für unseren Nachwuchs, aber auch für Post-docs und etablierte Arbeitsgruppenleiter. Forschungslabore müssen Qualitätsstandards etablieren (zum Beispiel standard operating procedures, SOPs), diese auch kommunizieren, überwachen und regelmäßig überprüfen ("Peer-audit"). Akademische Einrichtungen, namentlich die medizinischen Fakuläten, müssen diesen Prozess unterstützend begleiten und Karriere-Anreize für "gute wissenschaftliche Praxis" schaffen. Editoren müssen die Einhaltung eines Mindeststandards an wissenschaftlicher Qualität von ihren Autoren einfordern. Förderorganisationen sollten nur dort fördern, wo die Einhaltung solcher Standards nachgewiesen werden kann.
Ist es zu ambitioniert, dies zu fordern? Ich glaube nicht. Es gibt ein Vorbild für diesen Prozess: die wissenschaftliche Kultur klinischer Studien. Vor rund zwanzig Jahren wurden ähnliche, wenn nicht die gleichen Qualitätsprobleme bei der Durchführung klinischer Studien erkannt. Diese wurden durch qualitätssichernde Maßnahmen (SOPs, Monitoring, Auditing), biostatistische Expertise, Datenbanken laufender und abgeschlossener Studien und klare Richtlinien bei der Publikation ('Consort'-Statement) weitgehend überwunden.
Die präklinische Forschung könnte hiervon lernen und dadurch einen Qualitätsstandard erreichen, der die kostbaren Ressourcen schont (hierzu zählen auch Studienpatienten!) und dennoch effektivere und bessere Behandlungsformen zum Wohle der Patienten entwickeln hilft.
Der Autor
Prof. Dr. Ulrich Dirnagl ist Lehrstuhlinhaber für Klinische Neurowissenschaften an der Berliner Charité.Er leitet dort die Abteilung für Experimentelle Neurologie und das Centrum für Schlaganfallforschung.
Foto: wings for life