Guy Deutscher:
Wie die Sprache
unser Denken prägt
Der Einfluss, den die eigene Muttersprache auf das Denken besitzt, lässt sich nicht von der Hand weisen.
Auszug aus der Festrede zu der Konferenz "Deutsch in den Wissenschaften" am 10. November 2011
Um den wahren Einfluss der Sprache auf das Denken zu verstehen, müssen wir der Täuschung entkommen, dass die Sprache ein Gefängnis für das Denken ist. Stattdessen müssen wir uns einer grundlegenden Einsicht zuwenden, die ich als das Boas-Jakobson-Prinzip bezeichne.
Der Anthropologe Franz Boas stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie aus Minden. Er wuchs in der besten deutschen Wissenschaftstradition auf, bevor er gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswanderte. Er gilt als Vater der amerikanischen Anthropologie, und man darf sagen, auch der amerikanischen Sprachwissenschaft. 1938 machte er eine scharfsinnige Beobachtung über die Verschiedenheit der Sprachen, eine Beobachtung, die 20 Jahre später von dem russisch-amerikanische Linguist Roman Jakobson zu einer markigen Maxime zusammenfasst wurde: "Sprachen unterscheiden sich hauptsächlich durch das, was sie vermitteln müssen, und nicht durch das, was sie vermitteln können."
Mit anderen Worten, der entscheidende Unterschied zwischen Sprachen liegt nicht darin, was jede Sprache ihren Sprechern auszudrücken gestattet – denn theoretisch könnte jede Sprache alles zum Ausdruck bringen –, sondern in den Informationen, zu deren Wiedergabe jede Sprache ihre Sprecher zwingt.
Jakobson führt das folgende Beispiel aus der Alltagssprache an: Wenn ich auf Englisch sage "I spent yesterday evening with a neighbour", dann können Sie sich durchaus die Frage stellen, ob ich mit einem Mann oder mit einer Frau ausgegangen bin. Aber ich habe das Recht, Ihnen höflich zu erklären, dass Sie das nichts angeht. Wenn wir aber Deutsch sprechen, dann verfüge ich nicht über das Privileg, die Dinge im Unklaren zu lassen, denn ich werde von der Sprache dazu gezwungen, mich zwischen Nachbar oder Nachbarin zu entscheiden
Deutsch zwingt mich also, Sie über das Geschlecht des Menschen, der mich begleitet hat, zu informieren – ob ich nun der Meinung wäre, dass Sie das etwas angeht, oder nicht. Das bedeutet natürlich nicht, dass Englischsprecher die Unterschiede zwischen Abenden, die man mit Nachbarn, und solchen, die man mit Nachbarinnen verbringt, nicht wahrnehmen. Ebenso wenig bedeutet es, dass Englischsprecher den Unterschied nicht ausdrücken können, falls sie das wünschen sollten. Es bedeutet nur, dass Englischsprecher nicht verpflichtet sind, das Geschlecht anzugeben, jedes mal wenn von dem Menschen aus dem Nachbarhaus die Rede ist, während diese Verpflichtung für die Sprecher mancher Sprachen gewohnheitsmäßig besteht.
Hingegen verpflichtet Sie das Englische durchaus, gewisse Informationen zu nennen, die man in manchen anderen Sprachen dem Zusammenhang überlassen kann. Wenn ich Ihnen auf englisch von einem Abendessen mit einem "neighbour" erzähle, dann muss ich Ihnen vielleicht nicht das Geschlecht meiner Begleitperson mitteilen, aber ich muss Ihnen auf jeden Fall ziemlich viel über die zeitliche Einordnung des Geschehens erzählen: Beispielsweise muss ich mich zwischen we are dining (gerade jetzt) oder we dine (regelmäßig), zwischen we dined (einmal oder einige Male in der Vergangenheit) und we have been dining (öfters, über eine lange Zeitspanne) entscheiden. Das Deutsche ist ebenso imstande, solche feinen Unterscheidungen zu machen, aber es verpflichtet seine Sprecher nicht, diese Unterscheidungen gewohnheitsmäßig zu treffen.
Es scheint mir, dass das Boas-Jakobson-Prinzip der Schlüssel ist, mit dem sich die tatsächlichen Auswirkungen einer bestimmten Sprache auf das Denken enthüllen lassen. Wenn verschiedene Sprachen den Geist ihrer Sprecher auf unterschiedliche Weise beeinflussen, dann nicht wegen der Dinge, die jede Sprache angeblich den Menschen zu denken gestattet, sondern vielmehr ist der Einfluss eine Folge des Umstands, dass Menschen von Kindesbeinen an gewohnheitsmäßig bestimmte Ausdrucksweisen verwenden. Denn schließlich können sich Sprachgewohnheiten zu geistigen Gewohnheiten verfestigen, die uns über das Sprechen hinaus beeinflussen, und die Konsequenzen für unsere Denkweise und Wahrnehmung der Welt haben können.
Wenn unsere Sprache uns dazu zwingt, zum Beispiel auf gewisse Aspekte der Erfahrung gewohnheitsmäßig achtzugeben, dann kann diese Notwendigkeit uns trainieren, ein besonderes Gespür oder eine Sensibilität für bestimmte Details zu entwickeln, und fördert bestimmte Arten von Gedächtnis und Assoziationen.
Der Autor

Guy Deutscher (Jahrgang 1969) ist ein israelischer Linguist. Zurzeit lehrt er als Honorary Research Fellow an der Universität Manchester.
Foto: Bernhard Ludewig
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Die Konferenz

Welche Bedeutung hat die Sprache der Wissenschaft für die Gesellschaft? Und wie lässt sich Mehrsprachigkeit in Forschung und Lehre umsetzen? Diese Fragen diskutierten der DAAD, das Goethe-Institut und das Institut für Deutsche Sprache auf der Konferenz mit Akteuren aus Forschung, Politik und Kultur vom 10. bis 12. November 2011 in Essen. Der Stifterverband hat die Konferenz als Kooperationspartner unterstützt.
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