Andreas Suchanek:
Vertrauen und Verantwortung

Vertrauen ist ein Vermögenswert, dessen Bedeutung für

Unternehmen in Krisenzeiten wächst.


Vortrag anlässlich der Vorstandssitzung des Stifterverbandes
in Berlin am 21. Januar 2010 (Auszug)



Ist es nicht ein Luxus für Unternehmen, im globalen Wettbewerb verantwortlich zu handeln, gerade in Zeiten der Krise?

Stellen wir die Gegenfrage: Haben Sie schon einmal ein Unternehmen gesehen, das damit wirbt: „Wir wollen und können uns in diesen schwierigen Zeiten keine Verschwendung, keinen Luxus erlauben, deshalb handeln wir unverantwortlich!“ Ich habe noch von keinem Unternehmen gehört, das so wirbt. Und der Grund ist einfach: Niemand möchte mit einem Unternehmen kooperieren, von dem man weiß, dass es unverantwortlich handelt. Denn das bedeutet: Man kann ihm nicht vertrauen.

Und damit bin ich beim Titel meiner Ausführung und zwei Thesen:

  • Vertrauen ist ein Vermögenswert – und
  • verantwortliches Handeln ist eine Investition in diesen Vermögenswert.


Erlauben Sie mir eine kurze Erläuterung dieser beiden Thesen: Der soziale Sinn von Unternehmen ist Wertschöpfung. Wertschöpfung braucht Beiträge von zahlreichen Kooperationspartnern – insbes. Mitarbeitern, Kunden, Investoren, Lieferanten. Diese werden jedoch nur dann kooperieren, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind:
1. Ihnen wird eine für sie hinreichend attraktive Gegenleistung versprochen und
2. Sie haben das Vertrauen, dass sie diese Gegenleistung auch bekommen.

Vertrauen ist deshalb eine unverzichtbare Voraussetzung für jede Kooperation – und insofern ein Vermögenswert. Verantwortung des Unternehmers und des Unternehmens ist nun nichts anderes als die Erfüllung berechtigter Vertrauenserwartungen. Versprechen, die man Kooperationspartnern gegeben hat, um diese zu gewinnen, sind zu halten. Es geht also gewiss nicht um Luxus, wenn von Verantwortung des Unternehmers oder Unternehmens die Rede ist. Warum dann diese Unterstellung, Verantwortung sei Luxus?

Meine Antwort: Jene, die so sprechen, meinen nicht Luxus im Sinne eines überflüssigen Konsums. Sie meinen, dass Verantwortung etwas kostet und – jedenfalls dem Unternehmen – nichts bringt, ja nichts bringen darf. Hier offenbart sich eine sehr weitverbreitete Sichtweise von Ethik: Moral ist nur echt, wenn sie weh tut. Moralisches Handeln wird hier mit Uneigennützigkeit identifiziert – man darf selbst nichts davon haben, es geht einzig um die gute Sache. Eigene Vorteile aus moralischem Handeln kompromittieren die Handlung. Denn sie deuten, so scheint es, darauf hin, dass es dem Handelnden nicht um die wahre Moral geht. Es muss ums Gemeinwohl, um Gerechtigkeit, um Nachhaltigkeit um ihrer selbst willen gehen, nicht um den schnöden Gewinn.

Dieses Ethikverständnis ist sehr verbreitet, übrigens auch bei Führungskräften. Es klingt auch sehr ansprechend, so moralisch, – und ist doch so verfehlt, denn es ist nicht alltagstauglich. Denn Unternehmen, die Verantwortung durch Verzicht leben, sind rasch nicht mehr wettbewerbsfähig. Eine Gesinnungsethik für Unternehmen ist unverantwortlich. Unternehmen müssen aus Gründen der Verantwortung bei all ihren Entscheidungen auf deren investiven Charakter achten, also darauf, ob es ihrer Wettbewerbsposition schadet oder nutzt.

Warum ist das wichtig? Weil Vertrauen immer auch davon abhängt, wie Ent-
scheidungen beurteilt werden; es geht um die Wahrnehmung von Verantwortung
im doppelten Sinne: Wie schon David Hume in seinem Treatise on Human Nature formulierte: "In order to form society, `tis requisite not only that it be advantageous, but also that men be sensible of its advantages." Dies lässt sich auch auf Verantwortung übertragen – gerade wenn es um Vertrauen und Vertrauensgewinnung geht: Es ist nicht nur notwendig, dass unternehmerisch verantwortlich gehandelt wird, sondern auch, dass diese Handlungen als verantwortlich gesehen und anerkannt werden.

Genau das ist aber bei einem Verständnis von Ethik, Moral und eben auch
Verantwortung, das auf Verzicht und auf Uneigennützigkeit gründet, nahezu
unmöglich. Kein Unternehmen kann es sich leisten, dauerhaft uneigennützig
zu sein, das widerspricht seiner gesellschaftlichen Aufgabe und Verantwortung!
Nicht Uneigennützigkeit, sondern Verlässlichkeit ist der Kern von unternehme-
rischer Verantwortung: Versprechen sind zu halten! Es geht nicht um den
Verzicht auf den eigenen Vorteil, sondern um Investition in den wechsel-
seitigen Vorteil! Hier produzieren Unternehmen oft ein Eigentor (um mit
meinem verehrten akademischen Lehrer Karl Homann zu sprechen):
Sie verbinden Unternehmensverantwortung mit CSR-Projekten, mit der
Förderung von jungen Violinistinnen oder mit dem Aufbau von Kinder-
gartenschaukeln durch hochbezahlte Manager. Die damit verknüpfte
Botschaft lautet: Verantwortung sei uneigennütziges gesellschaftliches
Engagement.

Doch genau diese Botschaft vertieft die Wahrnehmungskluft von Moral einerseits
und Wettbewerb und Gewinnerzielung andererseits. Sie trägt so ungewollt zur
Delegitimierung des Kerngeschäfts und der Marktwirtschaft bei. Ich bin wirklich
nicht gegen CSR-Projekte, das können gute Investitionen sein. Aber Verant-
wortung heißt primär: Versprechen halten! Um Vertrauen von Kooperations-
partnern zu gewinnen und zu erhalten! Um Wertschöpfung nachhaltig und
erfolgreich zu betreiben!

Dabei ist es wichtig zu erkennen, dass es bei Unternehmensverantwortung
nicht um ein bloßes Kommunikationsproblem geht. Es geht vielmehr um die
Stimmigkeit von dem was man tut und dem, was jene, deren Vertrauen
man gewinnen oder erhalten will, darin sehen.

Der Gastautor

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