Arend Oetker:
Amerikanische Vorbilder?
Vierzig US-Milliardäre geloben, mindestens die Hälfte ihres Vermögens
für wohltätige Zwecke zu spenden.
Gastbeitrag im Handelsblatt vom 6. August 2010
Die Spendenbereitschaft der vierzig reichen Amerikaner ist beispiellos
und eindrucksvoll.
Sie steht aber in Zusammenhang mit der in USA allgemein verbreiteten
Überzeugung, dass jeder, der Erfolg hat, dazu verpflichtet ist, der Gesell-
schaft etwas zurückzugeben. Reichtum wird in USA nicht versteckt. Finan-
zieller Erfolg wird mit Selbstverständlichkeit gezeigt und man kann darin
Teil eines Selbstverständnisses erkennen, das nicht zuletzt aus der religi-
ösen Verankerung der frühen Einwanderer nach Amerika herrührt. Gleich-
zeitig sind Spenden ein Mittel, mit dem man Ziele befördern kann, die
man als wichtig erachtet – nicht immer uneigennützig, manchmal zur
Befriedigung der eigenen Eitelkeit oder auch zur Förderung des sozialen
Aufstiegs – die Motive sind vielfältig, was dort aber niemand verdächtig
findet.
Das Verhältnis des Einzelnen zum Staat unterscheidet sich grundsätzlich
von unseren Traditionen – was vor kurzem auch in der Gesundheitsreform-
Debatte deutlich wurde. In USA möchte man möglichst wenig Staat und
viel Individuum. Dem Staat wird weniger vertraut als bei uns, und man
glaubt nicht daran, dass der Staat Geld sinnvoller verteilt als der Einzelne.
Entsprechend sind nicht nur die Steuern manchmal niedriger, sondern
auch die Absetzbarkeit von Spenden wesentlich höher als bei uns.
Insofern ist die Vergleichbarkeit der Verhältnisse nicht einfach gegeben,
und wir unterscheiden uns eben nicht nur in steuerlicher Hinsicht von den
USA, sondern es gibt diese fundamentalen kulturellen Unterschiede, so
dass wir keine amerikanischen Verhältnisse bei uns erwarten können.
In Deutschland existiert aber dennoch ebenfalls ein hohes soziales Ethos.
Es drückt sich bei Unternehmern einerseits in einem ausgeprägten Pflicht-
gefühl gegenüber den Mitarbeitern aus. Andererseits haben unzählige
Unternehmer Stiftungen gegründet – alle DAX-Konzerne, aber auch Hun-
derte Mittelständler engagieren sich beispielsweise gemeinsam im Stifter-
verband für die deutsche Wissenschaft. Allein in den letzten 10 Jahren
wurde die Hälfte aller Stiftungen neu errichtet, so dass wir von einem
Stiftungsboom sprechen dürfen.
Im Unterschied zu den Amerikanern, aber auch zu den Italienern (um ein
europäisches Beispiel zu nennen), glauben die Deutschen, dass der Staat
maßgeblich für das Wohl der Bürger sorgen soll, nicht private Mäzene.
Gleichheit erscheint Vielen hierzulande wichtiger als Freiheit – undenkbar
für die Amerikaner. Unter den genannten Spendern haben viele ihr Ver-
mögen selbst geschaffen. Deutsche mittelständische Unternehmer denken
häufiger in Generationen und begreifen ihr Eigentum gar nicht als Besitz,
sondern sehen sich als Treuhänder für ihre Nachkommen – sicherlich
ebenfalls ein gravierender Unterschied. Dennoch: auch einige der großen
deutschen Unternehmen befinden sich bereits in Stiftungsbesitz, wie zum
Beispiel Bosch, Bertelsmann oder Zeiss. Diese Beispiele werden in Zukunft
weitere Spender motivieren. Und die amerikanischen Vorbilder finden hof-
fentlich auch hierzulande Nachahmer.
Der Autor
Dr. Arend Oetkerist Unternehmer
und Präsident des
Stifterverbandes
für die Deutsche
Wissenschaft.
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