Arend Oetker:
Staat und Privat –
neue alte Partnerschaften

Wenn heute in Deutschland um ein zeitgemäßes Staatsverständnis

gerungen wird, dann lohnt vielleicht ein Blick in die Geschichte.


Kolumne im Rheinischen Merkur,
erschienen am 12. August 2010


Die Geschichte lehrt: Die Debatte über die Reihenfolge "Privat vor Staat"
oder andersherum ist relativ jung. Bis vor rund 200 Jahren hat es sie
kaum gegeben.

Standen im alten Rom große öffentliche Bauvorhaben an, erhallte im Senat
der Ruf "Maecenates voco!" "Ich rufe die Gönner!" Öffentliche Aufgaben wie
den Straßenbau konnte der Staat nicht erfüllen. Stattdessen mussten sich
reiche Bürger dazu bekennen, die im Interesse ihres Ansehens in der Ge-
sellschaft ihr privates Vermögen einzusetzen bereit waren. Wie wir wissen,
hat dieses Verfahren einigermaßen funktioniert. Doch spätestens mit der
Industrialisierung und dem Entstehen moderner arbeitsteilig organisierter
Industrienationen stieß dieses private Modell an seine Grenzen.

Gerade im Bereich von Bildung und Forschung zog der Staat immer mehr
Verantwortung an sich. Mit der Ausweitung der staatlichen Wissenschafts-
förderung nahm parallel die Bedeutung der Wirtschaft und privaten Stif-
tungen als Förderer ab. Am Beispiel des Stifterverbandes lässt sich das
gut illustrieren: Zwischen 1950 und 1969 machten die Spenden des Stif-
terverbandes im Mittel zehn Prozent des Haushalts der Deutschen For-
schungsgemeinschaft aus. Heute liegt dieser Anteil bei 0,1 Prozent –
was nichts mit einer sinkenden Spendenbereitschaft zu tun hätte, son-
dern vielmehr mit der gigantischen Expansion der staatlichen Wissen-
schaftsausgaben.

Diese expansive Phase setzte sich bis in die Siebziger Jahre fort. Um-
fassende Bildungsförderung wurde ganz klar als staatliche Aufgabe an-
gesehen. Inzwischen erleben wir, dass der Staat an seine Grenzen ge-
stoßen ist. Erst vor wenigen Wochen mussten Hessens Hochschulen
einem Sparpaket von 100 Millionen Euro zustimmen und Schleswig-
Holstein stellte ganze Universitäten zur Disposition. Dem Staat fällt
sein "Pflichtteil" schwer.

In dieser Situation können private Initiativen im Bildungs- und Wissen-
schaftssystem keine substituierende, wohl aber eine stabilisierende
Wirkung entfalten. Namentlich Hochschulstiftungen, Stiftungsprofes-
suren und namhafte Beiträge der Wirtschaft zu Studium und Lehre
wären hier zu nennen. Sieben von zehn Großunternehmen und im-
merhin noch jedes sechste Kleinunternehmen unterstützt die Hoch-
schulen in der einen oder anderen Weise.

Zweihundert Jahre lang hat der Staat mehr und mehr Zuständigkeiten
an sich gezogen. Der private Einfluss nimmt nun wieder zu. Das Pendel
schwingt aber nicht einfach bloß zurück. Im neuen Zusammenwirken
von Staat und Privat entsteht vielmehr gerade ein partnerschaftliches
Miteinander, in dem alle Akteure ihre jeweiligen Stärken zum Wohl
des Ganzen einbringen. Die Universitäten sind auf dem Weg zu einer
Institution, in der sich privates und staatliches Engagement verbinden,
gegenseitig stützen und verstärken.

Der Autor

Villa-Hügel-Gespräch